Mai 2004
In seinem Roman "Landnahme" spannt Christoph Hein einen Bogen über 50 Jahre deutscher Geschichte vom Ende des zweiten Weltkrieges bis zur Jahrtausendwende. Beschrieben wird der Lebenslauf von Bernhard Haber, einem Außenseiter in der Provinz, der mit der großen Geschichte scheinbar nichts zu tun hat und sie doch exemplarisch spiegelt. Einige Kritiker lobten das Buch bereits als den lang erwarteten "Deutschlandroman" nach dem Mauerfall 1989, doch davon will Hein nichts hören. Für ihn sei es eine "gruselige Vorstellung", früh an den Schreibtisch zu gehen und sich zu sagen: "So Herr Hein, nun schreiben Sie mal einen Deutschlandroman!" Das sei zu keiner Zeit seine Absicht gewesen.
Christoph Hein,
Landnahme
360 Seiten
Suhrkamp Verlag
Bernhard Haber ist zehn, als er 1950 mit seinen Eltern aus Breslau in das sächsische Städtchen Guldenberg kommt, wo man Vertriebene und Ausgebombte lieber heute als morgen wieder abreisen sähe. Zwar werden Handwerker gebraucht, und Bernhards Vater ist Tischler, aber die Einheimischen bestellen ihre Möbel natürlich nicht bei dem Fremden. In der Schule lernt Bernhard schnell, daß der einzige Weg des Überlebens darin besteht, immer wieder Schläge einzustecken und sich ansonsten einfach durchzubeißen. Daß er nach der 8. Klasse eine Tischlerlehre beginnt, wundert niemanden, eher schon, daß er später zeitweise als Karusselbesitzer sagenhaft viel Geld verdient. Peter Koller, der in einem selbstgebauten Auto zahlende Gäste nach Westberlin gebracht hat und dafür ein paar Jahre im Gefängnis saß, weiß genauer, woher Bernhards Wohlstand stammt, aber er verpfeift ihn nicht. Überhaupt hat Haber Glück mit den Leuten um sich herum: mit seiner Frau Friederike, die ihn anhimmelt, mit seiner Schwägerin Katharina, die ihm beigebracht hat, was Liebe ist, mit dem Sägereibesitzer Sigurd, der dafür sorgt, daß Bernhard als Tischlermeister in den Kegelklub aufgenommen wird. Denn hier treffen sich die Selbständigen, um den nötigen Einfluß auf die Politik des Ortes zu organisieren. Das war vor 1989 so und erst recht in den wilden Jahren danach, als das Land im Rausch der Wiedervereinigung erst maßlose Pläne für eine goldene Zukunft schmiedete und dann von der ernüchternden Realität eingeholt wurde.
Mit "Landnahme" präsentiert sich Christoph Hein wieder einmal als glänzender Erzähler und als ein Meister der Form. Er läßt die Geschichte von Bernhard Haber durch seine Wegbegleiter erzählen. Von einem Vorwort und einem kleinen Nachwort eingerahmt entstehen so fünf einzelne Berichte, die alle vom Ton ihres jeweiligen Erzählers bestimmt werden. Da ist der ehemalige Banknachbar in der Schule, die erste Freundin, der Fluchthelferkomplize, die Schwägerin, die Heimleiterin. Diese einzelnen Lebensberichte und -beichten verflechten sich in der Gesamtschau zu einem lebendigen Sittenbild der ostdeutschen Nachkriegsprovinz, mit all ihren politischen und ökonomischen Verwicklungen.
Das liest sich prächtig und doch hat man bei der Lektüre ein leicht mulmiges Gefühl. Zu glatt, zu problemlos fließen die Berichte dahin, keiner der zum Teil wenig gebildeten Erzählerfiguren hat Probleme mit den Formulierungen, alle haben sie den Stoff fest im griff, alle bedienen sich eines ähnlichen Tons. Christoph Hein tappt gewissermaßen in eine Falle, die er selbst aufgestellt hat, indem er sich fünf verschieden Erzähler schafft, ihnen aber nicht ausreichend Freiraum gewährt, damit sie sich frei entfalten können.
Bei der Buchvorstellung in der Berliner Akademie der Künste lobte Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Buch, weil es ohne eine trommelfeuerartige Erwähnung von Sozialismus, Partei und Stasi auskäme. Ich hätte mir allerdings eine stärkere Politisierung durchaus gewünscht. So werden zum Beispiel die großen Daten des 17. Juni, des 13. August oder des 9. November fast beiläufig eingeflochten, so als hätten diese zentralen Ereignisse der DDR-Geschichte keinerlei Fernwirkungen auf das sächsische Hinterland gehabt. Hein verläßt sich auf Anekdotisches und das politische System der DDR mit all seinen Mängeln und Mechanismen der Unterdrückung wird nur beiläufig gestreift, wird wie aus weiter Ferne betrachtet. Andererseits ist Hein zugute zu halten, daß er trotz zurückgenommener Politisierung aus der DDR nicht im Gegenzug ein Spaß-Land macht, das sich in Good-Bye-Lenin-Manier in Ostalgieshows feiert. Hein liefert kein künstlerisch geformtes Bild der DDR, sondern eine Art künstliche DDR, die sich seinem Erzählplan und -stil unterordnen muß. Das ist zweifelsohne glänzend erzählt und komponiert und liest sich auch mit viel Vergnügen, nur leider ist es nicht der große Deutschlandroman, den viele von Christoph Hein erwartet haben.
Am Ende schafft es Bernhard, der früher ungeliebte Flüchtlingsjunge, ins Establishment des sächsischen Guldenberg aufgenommen zu werden. Er steigt auf zum Präsidenten des Karnevalsvereins. Erhobenen Hauptes verläßt der einst Gedemütigte und Geschlagene die Szene: "Der Karnevalshut auf seinem dicken Schädel war verrutscht, ich setzte ihm den Dreispitz zurecht, bevor er herunterfallen konnte". Die Landnahme der Vertriebenen endet damit, daß ihre Kinder dafür sorgen, daß die "Fidschis" beim Rosenmontagszug nicht mitlaufen dürfen.