Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Photos aus "Luzifers Garten" - Ein schonungsloser und sehr persönlicher Bildband von Nan Goldin

Juli 2005

"Die Fotografie ist meine Möglichkeit zu sagen: Ja, das ist in meinem Leben passiert. Sie sichert Momente, die mir niemand nehmen kann." So lautet Nan Goldins ebenso einfaches wie konsequentes Arbeitscredo. Fotografieren ist für sie Stütze und Waffe im täglichen Überlebenskampf und ihre Motive muß sie nicht lange suchen, denn sie sind ständig da. Nan Goldin blickt durch ihren Kamerasucher auf ihren Lebensalltag.

Goldin Nan Goldin,
Luzifers Garten

503 Seiten mit ca. 400 Farbfotos
Phaidon Verlag

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Bereits als 15-jährige hat Nan Goldin, geboren 1953, ihre Liebe zur Fotografie entdeckt. In den frühen 70er Jahren wagte sie nach einer künstlerischen Ausbildung den Schritt in die professionelle Fotografie. Mit der "Ballade von der sexuellen Abhängigkeit", einer von Musik untermalten Diashow, wurde sie 1980 schlagartig einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Es war ein zu dieser Zeit völlig neuer und unbekannter Blick auf eine von Alkohol, Prostitution, Drogen und AIDS gekennzeichneten Generation. Seitdem gilt Nan Goldin in der internationalen Kunstszene als eine führende Fotografin. Sie wurde für ihre Arbeiten mehrfach mit hohen Preisen ausgezeichnet und gilt gleichzeitig als provozierende und umstrittene Künstlerin.

Ohne Tabus hält sie ihr turbulentes Leben, das sie in New York, in Fernostasien, in Berlin und zuletzt in Paris geführt hat, fest. Es ist ein Leben am Abgrund, an den Aussenrändern der Gesellschaft. Schonungslos und offen fixiert Nan Goldin in ihren Bildern die eigene Lebensgeschichte und die ihrer Familie, ihrer Freunde und Bekannten. Nan Goldin lebt unter Transvestiten, Homosexuellen und Transsexuellen, sie zeigt ihre Einsamkeit, ihre Drogenabhängikeit, ihre Zerbrechlichkeit, aber auch ihre Fähigkeit zu großen Gefühlen, ihre grenzenlose Sehnsucht nach Glück. Es sind Bilder der Liebe und der Gewalt, eingefrorene Augenblicke voller Lust, Trauer und Schmerz.

Vor nichts und niemandem schreckt Nan Goldin mit ihrer Kamera zurück. Sie zeigt alles: sei es ihr eigenes verquollenes Gesicht im Delirium oder ihre Freunde beim Geschlechtsakt. Sie zeigt den Menschen als ein starkes und eigenwilliges, vom Lebenswillen und Überlebenswillen geprägtes Wesen, auch im Elend. Ohne voyeuristische Absichten hebt sie in gnadenlosen Nahaufnahmen die Distanz zwischen Kamera und Objekt auf, sucht in den gequälten Gesichtern und geschundenen Körpern nach jenem Rest von Würde, der diese Menschen weiterleben läßt. Goldins Bilder sind angesiedelt im Grenzbereich zwischen Schnappschuss, Reportagefotografie und eigenständigem Kunstwerk. Sie stoßen ab und ziehen an.

Ihr jüngster Bildband "Luzifers Garten" (Orig.: Devil's Paradise) versammelt Fotos aus über 35 Jahren. Mit über 400 Farbbildern, die wie in einer Art Tagebuch vor dem Betrachter ausgebreitet werden, ist es mit Sicherheit eine der persönlichsten und intimsten Publikationen Nan Goldins. Den Anfang machen frühe Arbeiten aus den 70er Jahren; hauptsächlich Porträts und Landschaftsaufnahmen, die ironisch die Erhabenheit und Dramatik klassizistischer Gemälde spiegeln. Es folgen Selbstporträts (z.B. aus der Phase ihres letzten Drogenentzuges) und Fotos aus den Serien "Maternity, Heartbeat" (2001), "My French Family" (1999-2001) and "57 days" (2000). Viele der Bilder, die hier mit Texten von Leonard Cohen, Nick Cave, John Giorno und anderen kombiniert werden, sind zum erstenmal veröffentlicht. Schwergewichtig schließt das Buch mit dem Kapitel "Requiem" ab, an dessen Ende das Bild eines Grabsteines steht. "Luzifers Garten" besticht vor allem dadurch, daß mutig auf erklärende und analytische Texte verzichtet wurde und daß stattdessen die Assoziation eines für sich selbst sprechenden Fotoalbums, im Sinne eines "public report" zugelassen wurde.