Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Wie das Römische Imperium verfiel und unterging - Eine neue Ausgabe des Klassikers von Edward Gibbon

April 2004

Es ist über 200 Jahre her, daß der britische Gelehrte Edward Gibbon seine sechsbändige Untersuchung "History of the Decline and Fall of the Roman Empire" (1776 bis 1788) veröffentlicht hat. Doch auch heute noch gilt sie als ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Auch wenn die Historiker mittlerweile über wesentlich umfangreichere Kenntnisse und Quellen verfügen und somit manches, was Gibbon geschrieben, hat als Fehldeutung oder Falschurteil entlarvt haben, ist Gibbons Darstellung wegen ihrer einzigartigen Konzeption, ihrer intellektuellen Brillianz und nicht zuletzt wegen ihres literarischen Stils immer noch lesenswert.

Gibbon Edward Gibbon,
Verfall und Untergang des Römischen Imperiums

6 Bände in Kass.
dtv

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Edward Gibbon, geboren 1737 in Putney, war Autodidakt. Wegen häufiger Krankheit hatte er keine durchgehende Schulbildung genossen, machte das aber später wett durch intensive Privatstudien und ausgedehnte Auslandsreisen. Eine dieser Reisen führte ihn 1764 nach Rom. Beeindruckt von den architektonischen Zeugnissen des Römischen Reiches fragte er sich, warum ein so mächtiges und kulturell bedeutendes Kaiserreich nach jahrhundertelanger Blütezeit irgendwann einfach sang- und klanglos untergehen konnte. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach England begann er mit der Niederschrift seiner Darstellung vom "Verfall und Untergang des Römischen Reiches". Es sollte zu einem Lebenswerk ausufern. Hatte Gibbon sich bei der Konzeption zunächst nur auf das antike Rom beschränkt, so reichte die nach 12-jähriger Arbeit abgeschlossene und auf sechs Bände angewachsene Originalausgabe bis zum Untergang Konstantinopels im Jahre 1493. Zum einen nahm Gibbon diese Ausweitung vor, weil das Byzantinische Reich sich stets selbst in direkter Nachfolge des Römischen Reiches sah und zum anderen, weil die ersten Bände seines Geschichtswerkes ausgesprochen erfolgreich waren. Selbst wenn die Darstellung gegen Ende gröber und holzschnittartiger wird, was an der Dürftigkeit des Gibbon zur Verfügung stehenden Quellenmaterials gelegen hat, sein Werk galt schon zu seinen Lebzeiten als Klassiker der englischen Literatur. Und das obwohl oder vielleicht gerade weil seine Thesen mitunter auch auf harsche Kritik stießen.

Besonders heftig angegriffen wurde der erste Teil, in dem Gibbon auch die die Ausbreitung des Christentums und der damit verbundenen Geschichte der Christenverfolgung beschreibt. Seine Darstellung gipfelt in der These, daß die Ausbreitung der christlichen Religion mitverantwortlich sei für den Untergang Roms. Besonders heftig angekreidet wurde Gibbon, daß er sehr süffisant den Absolutheitsanspruch des christlichen Glaubens, sowie die Machtgier und Ignoranz der frühen römisch-katholischen Kirche geißelte. Doch auf rein theologischer Basis sind Gibbons Schlussfolgerungen kaum angreifbar. Gibbon war der erste Historiker, der eine derat ausführliche Gesamtdarstellung der römischen Geschichte über 14 Jahrhunderte wagte und auch die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mit einbezog. Mit hoher sprachlicher Eleganz meistert er seine mitunter eigenwilligen geschichtsphilosophischen Betrachtungen, verläßt dabei aber gelegentlich auch den Boden gesicherter historischer Fakten und flüchtet sich in Vermutungen und hanebüchene Spekulation; zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, daß er selbst diesen Fehler im Text an einigen Stellen freimütig zugibt. Wirklich unangehnem aber ist Gibbons an einigen Stellen offen zu Tage tretender Antisemitismus.

Die jetzt vom dtv-Verlag vorgelegte Neuübersetzung von Michael Walter und Walter Kumpmann umfaßt die Kapitel I bis XXXVIII von Gibbons Werk. Diese Kapitel beginnen mit einem Überblick über die Herrschaft Trajans und Hadrians (98 - 138), beschreiben ausführlich die Regierungszeiten von Antonius Pius und Marc Aurel (138 - 180) und schließen mit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahre 476. Sehr zu loben ist, daß auch die fremdsprachigen Zitate (griechisch, lateinisch, französisch ...) in den Füßnoten neu übersetzt wurden. Bei Gibbon ist es übrigens sehr empfehlenswert, die Fußnoten sorgfältig mitzulesen. Denn gerade hier, abseits vom Haupttext, schießt Gibbon ein wahres Feuerwerk von Anekdoten, humorigen Anmerkungen und ironischen Kommentaren ab. Im Anhang dieser mustergültigen sechsbändigen Taschenbuchkassette finden sich zusätzlich noch Auszüge aus Gibbons Autobiografie, ausführliche Tabellen zu den einzelnen Kaisern und ihren Regierungszeiten, sowie ein ausführliches Register. Endlich ist dieses Meisterwerk der literarischen Geschichtsschreibung wieder in einer zuverläßigen deutschen Ausgabe erhältlich. Danke, dtv-Verlag! Und bitte, vervollständigen Sie das Werk so schnell als möglich, indem Sie auch die Weiterführung bis zum Ende des Byzantinischen Reiches in neuer Übersetzung und ebenso schmucker Kassette nachschieben.