Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Onkel Toms Hütte Berlin - Ein spannender Nachkriegskrimi von Pierre Frei

Februar 2004

"Im April 2003 war das Buch fertig. Ich schickte das Manuskript an Karl Blessing, den ich nicht persönlich kannte. Ich schrieb ihm: Man sagt, Sie seien ein Verleger, der in keine Schablone paßt, und einer der wenigen, die noch lesen. Das macht dem Autor Hoffnung." Mit diesen Worten beschreibt Pierre Frei, wie er "Onkel Toms Hütte, Berlin" beim Blessing Verlag unterbringen wollte. Seine Hoffnung wurde nicht getrogen. Denn der Verleger antwortete mit einer Art offenem Brief an die Leserinnen und Leser. "Wie oft kommt einem Verleger ein unverlangt eingesandtes Manuskript auf den Tisch, das ihn nach wenigen Seiten packt und bis zum Ende fesselt? Mir jedenfalls ist es bei diesem Roman passiert: Ich konnte nicht aufhören zu lesen." Verlags-PR, Werbelyrik oder Wahrheit? Egal, nach der Lektüre von Freis Roman kann man die überschwengliche Reaktion von Karl Blessing durchaus nachvollziehen.

FreiPierre Frei,
Onkel Toms Hütte, Berlin

542 Seiten
Blessing Verlag

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Berlin im Jahr 1945. Ben ist fünfzehn Jahre alt und unsterblich verliebt. Um das Mädchen seiner Träume zu beeindrucken, hätte er gerne einen schicken neuen Anzug. Deshalb nutzt Ben jede Möglichkeit, die sich einem heranwachsenden Jungen in den chaotischen Tagen zwischen Befeiung und Besatzung bietet, diesen Anzug irgendwie zu organisieren. Er lebt in dem von den Amerikanern verwaltetenen Viertel rund um den U-Bahnhof "Onkel Toms Hütte". Als er dort zwischen den Gleisen wieder einmal von den GIs achtlos weggeschnippte Zigarettenkippen sammelt, stolpert er über eine Leiche. Es handelt sich um eine junge Frau, die brutal mißhandelt und dann erwürgt wurde. Der Fall wird dem US-Amerikaner Captain Ashburner und seinem jungen deutschen Kollegen Inspektor Klaus Dietrich übertragenen; schnell wird den beiden Polizisten klar, daß sie es mit einem Serientäter zu tun haben, denn drei weitere Morde folgen. Ein fünfter wird zum Glück durch Dietrich verhindert. Bei allen Opfern handelt es sich um attraktive Blondinen mit blauen Augen. Doch abgesehn von diesen oberflächlichen äußeren Merkmalen scheint sie zunächst nichts zu verbinden. Alle stammen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten und haben niemals direkten Kontakt zueinander gehabt. Und doch sind die Schicksale der Frauen - eine UFA-Schauspielerin, ein Krankenschwester, eine Prostituierte und eine Adelige - miteinander verknüpft.

In fünf Kapiteln werden die Frauen von Pierre Frei eindrucksvoll porträtiert, indem er in Rückblenden zunächst die Jugend der fünf Protagonistinnen in den 20er Jahren schildert, gefolgt von den 30er Jahren und der Kriegszeit. Eindrucksvoll schafft es Frei, jede Frau mit ihrer eigenen Stimme sprechen zu lassen. So entsteht ein komplexes und spannendes Bild über das stetige und unaufhaltsame Vordringen des Nationalsozialismus. Da ist zum Beispiel Karin, eine naive und unerfahrene Schauspielerin. Durch die richtigen Beziehungen wird sie zur großen UFA-Diva, die auch während des Krieges Filme drehen will und muß; da ist Helga, die Krankenschwester. Sie kämpft um ihren mongoloiden Sohn, der von den Nazis in eine psychatrische Klinik gesteckt wird, die nichts anderes ist als eine getarnte Euthanasie-Station. Henriette dagegen stammt aus einer preußischen Landadelsfamilie und ist im Auswärtigen Amt beschäftigt. Sie liebt einen Engländer, also einen Feind des Volkes, und bringt mit viel Mut ihren Bruder außer Landes. Da ist Marlene, eine Prostituierte aus einfachsten Verhältnissen, bewaffnet mit einer Berliner Schnauze, die sie sich auch nicht verbieten läßt, als sie von der Gestapo verhört wird. Sie flieht aus Deutschland und findet sich in der französischen Resistance wieder. Schließlich ist da Jutta, die fünfte Frau, die von Dietrich gerettet wird. Sie ist Buchhändlerin und verfolgt sehr biedere Träume bis zu dem Tag, an dem der Krieg ausbricht. Sie alle haben mit viel Mut und Willenskraft die dunklen Nazi-Jahre überstanden und alle sind dabei in schwere Konflikte geraten. Paradoxerweise sterben bis auf Jutta alle auf brutale Weise - und zwar gerade in dem Augenblick, da ihre Zukunft von neuem gesichert scheint: im Winter 1945 ... Mehr kann und darf hier nicht verraten werden. Ich will schließlich niemandem die Spannung rauben.

Pierre Frei, Jahrgang 1930, war u.a. Auslandskorrespondent in Rom, Kairo, London und New York und lebt seit 1990 auf einem Schloss im Südwesten Frankreichs. Doch seine Nachkriegsjugend hat er rund um "Onkel Toms Hütte" verbracht, also jenem Viertel, das er in seinem Roman wieder lebendig werden läßt; wer will, kann ihn in Ben, dem agilen 15-Jährigen, leicht wiedererkennen. In "Onkel Toms Hütte, Berlin" werden Elemente des historischen Romans, des zeitgeschichtlichen Porträts und einer spannenden Krimihandlung elegant vermischt. Bis zum Ende vermag Frei seine Leser zu fesseln, was nicht zuletzt auf die Fülle authentischer Details, bis hin zu den Plakaten in der U-Bahn, zurückzuführen ist. In Nebenrollen tauchen, gewissermaßen als kleine Schmankerl am Rande, sogar Grete Weiser, Max Reinhardt und Ernest Hemingway auf. Das ganze wirkt niemals konstruiert, sondern ist lebendig und packend erzählt. Mit viel Können läßt er Handlungsstränge überlappen und beleuchtet Szenen immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Ergebnisse seiner sorgfältigen Recherchen werden von ihm quasi im Vorübergehen präsentiert und wirken niemals hölzern oder bremsend. Besonders gelungen ist vor allem, wie Frei die Atmosphäre der entbehrungsreichen Nachkriegszeit mit der Rückschau auf das braune Jahrzwölft kombiniert und das Ganze in eine Krimihandlung einbettet. Unterhaltungslektüre im besten Sinne, Spannung auf hohem Niveau.