Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

"Berlin Alexanderplatz": Gedanken zu einer Relektüre voller Überraschungen

Mai 2004

Als ich neulich am Bücherregal entlangschlenderte fiel mir eine alte zerfledderte Taschenbuchausgabe von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" in die Hände. Könnte man auch nochmal lesen, dachte ich, ließ das vergilbte Bändchen aber doch im Regal stehen. Einige Tage später fiel mir bei einem Streifzug durch diverse Buchhandlungen die links abgebildete Jubiläumsausgabe des Romans vom S.Fischer Verlag in die Hände. Verführt vom schönen Umschlag, der den Originaltitel der Erstausgabe des Jahres 1929 wiedergibt, und überzeugt vom günstigen Preis griff ich zu. Was soll ich sagen. Auch 75 Jahre nach Erscheinen hat mich die Geschichte von Franz Biberkopf wieder auf Anhieb gefesselt. In seinem Nachwort zu dieser Ausgabe hat Dieter Forte treffend auf den Punkt gebracht, warum dies so ist. "Das Buch gehört zu den großen Gesängen vom Untergang des Menschen, von seiner unauflösbaren Tragik im Handeln und Nichthandeln, seinen alltäglichen Kämpfen, seinen Aufschwüngen und Niederlagen, seinen Heldentaten und Leiden und Selbstzweifeln. Eine der großen Passionsgeschichten des 20. Jahrhunderts."

Döblin Alfred Döblin,
Berlin Alexanderplatz (Jubiläumsausgabe)

489 Seiten
S.Fischer Verlag

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Schauplatz ist das Berlin der zwanziger Jahre - mit seinem Menschengewühl, seinem Straßenlärm, seinem Häusergewirr und all seinen auch heute noch gut nachvollziehbaren sozialen Problemen. Der Transportarbeiter Franz Biberkopf wird aus der Strafanstalt entlassen und versucht als ehrlicher Mann ins Leben zurückfinden. Nicht nur das, was Döblin erzählt, sondern auch wie er es erzählt, trifft den heutigen Leser immer noch mit voller Wucht. Mal schnoddrig, mal sentimental, durchsetzt mit biblisch-apokalyptischen Bildern, macht Döblin die Stadt selbst zur eigentlichen Hauptperson des Romans und zum großen Gegenspieler des gutmütig-jähzornigen Biberkopf. In unzähligen Facetten werden die Geräusche, Gerüche und Farben der unerbittlichen Metropole geschildert. Immer wieder überrascht Döblin mit knappen, aber treffsicheren Bildern. Ein gewaltiges Großgemälde, das sich beim Nähertreten in immer wieder neue Kleinstbilder zerlegt. "Berlin Alexanderplatz" ist eine Achterbahn der Erzählstile, der ihr Alter nicht anzumerken ist. Selten hat mir die Relektüre eines Buches so viel Vergnügen bereitet.

Die vorliegende Jubiläumsausgabe stützt sich prinzipiell auf die Erstausgabe des Romans und berücksichtigt auch Korrekturen, die in weiteren Ausgaben zu Lebzeiten Döblins vorgenommen wurden. Dem an der Editionsgeschichte interessierte Leser wird in einem lesenswerten Anhang einiges zu den Textgrundlagen und zur Quellenlage vermittelt. Ferner sind in Fußnoten im fließenden Text Abweichungen gegenüber der Haupthandschrift (Typoskripte sind nicht erhalten) des Autors nachgewiesen und textkritische Kleinkommentare eingefügt. Somit liegt hier eine preisgünstige Ausgabe von Döblins "Berlin Alexanderplatz" vor, die als solide Grundlage für künftige Ausgaben gelten darf und auch wissenschaftlich Interessierten Genüge leistet. Unbedingt zugreifen, bevor es wieder heißt: "Leider vergriffen!"