Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2004

Haut dem Hitler in die Fresse - Michael Chabon erzählt die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay

August 2004

Josef Kavalier hat einen großen Traum, er möchte Entfesselungskünstler werden, wenn möglich sogar den großen Houdini übertreffen. Geduldig fügt er sich den strengen Exertitien, die ihm sein Lehrer vorscheibt. Doch das Schicksal will es anders. Im Jahre 1939 muß der Jude Josef Kavalier Prag verlassen. In einem Sarg, zusammen mit dem legendären Golem, schafft er es, der Tyrannei der Nazis zu entfliehen. Sein Ziel heißt jetzt Amerika. Dort will er schnellstmöglich viel Geld verdienen, um auch seinem jüngeren Bruder und seinen Eltern die Flucht zu ermöglichen.

Chabon Michael Chabon,
Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay

816 Seiten
Droemer/Knaur TB

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In New York angekommen findet er in seinem aufgeweckten Cousin Sam Clay einen kongenialen Partner. Beide stürzen sich kopfüber ins boomende Verlagsgeschäft mit Comics. Superhelden sind in: Batman, Spiderman, Superman, Hulk und Co. feiern erste große Erfolge und aus dem, was ursprünglich nur Beiwerk in Tageszeitungen war, wird nach und nach eine eigenständige, gewinnbringende Industrie. Der Siegeszug der Comics hat begonnen und Sammy und Joe, wie sich der Flüchtling Josef jetzt nennt, marschieren ganz vorne mit. Joe kann zaubern und zeichnen und Sammy ist der geborene Geschäftsmann. Sie erfinden den "Eskapist", einen Entfesslungskünstler als Superhelden mit Schattenseiten, der die Nazis bekämpft, die Welt von ihren Ketten befreit und es im Zweikampf selbst mit Hitler aufnimmt. Tag und Nacht zeichnet Joe gegen die dunklen Mächte in Europa an, denn seine Familie ist dort immer noch gefangen. Selbst die große Liebe zu Rosa vermag die dunklen Schatten auf Joes Seele nicht völlig zu vertreiben. Als er endlich genügend Geld gespart und eine Möglichkeit gefunden hat, seinen Bruder und sein Eltern zu sich nach Amerika zu holen, ist es zu spät. Seine Eltern sind bereits tot und das Schiff, das seinen Bruder über den Atlantik bringen soll, wird von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt. Der "Eskapist" hat seine Schlacht gegen die Nazis verloren. Nach Kriegsende will niemand mehr etwas von einem Superhelden wissen, der gegen Nazis kämpft. Als Sammy von seinem Partner und Cousin neue, andere Helden und neue, zeitgemäße Geschichten fordert, kommt es zum Bruch. Joe verschwindet spurlos über Nacht, läßt seine schwangere Freundin und seinen Cousin ratlos zurück.

Für "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay" hat Michael Chabon ganz zu recht den Pulitzer Preis 2001 erhalten. Mit den Mitteln der Literatur zeichnet er einen skurrilen, einfallsreichen und überbordenden Comic. Chabon hat sich akribisch in die Zeit der großen Blüte der Comics eingearbeitet. Neben einem phantasivollen Roman präsentiert er so ganz nebenbei eine Kulturgeschichte der amerikanischen Comic-Kunst der 30er Jahre. Zahlreiche Künstler und Verleger der Zeit dienten ihm dabei als Vorbilder für sein Romanpersonal. Fiktionales wirkt hier bisweilen wie historisch Verbürgtes und Fakten gehen nahtlos über in Fiktion. Erfundenes wird durch das Hinzufügen von Historischem glaubwürdig und Historisches wird erst durch das Erfundene lebendig. Das alles wirkt so authentisch und real, daß man am liebsten auf dem Flohmarkt oder bei der nächsten Comicbörse nach den Heften mit den Geschichten vom "Eskapist" aus dem Verlag Cavalier & Clay fahnden möchte.

Chabon zeichnet einerseits plakative und bunte Bilder, andererseits zoomt er sich auch immer wieder tief in diese Bilder hinein, um die Feinstruktur dieser bunten Flächen zu erkennen, um nachzuschauen, nach welchen Gesetzen die Farben hier ineinanderfließen. So entfaltet sich hinter der Comic-Fassade große Literatur mit psychologischem Tiefgang, mit Sinn für Dramatik und der Bereitschaft zu großen Gefühlen. Vor allem in der treffenden Beschreibung absurder, tragischer oder romantischer Situationen und Szenerien erweist sich Chabon als wahrer Meister. Und trotz des auf den ersten Blick vielleicht zu uramerikanisch und historisch wirkenden Themas sind "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay" auch mit unserer Geschichte und unserer Zeit eng verbunden.

Am Ende übrigens taucht Josef wieder auf - im Empire State Building, seiner alten Wirkungstätte als einst gefeierter Comic-Künstler. Sein mittlerweile zwölfjähriger Sohn hat ihn dort aufgestöbert. Der Junge ist in einer scheinbar intakten Beziehung aufgewachsen, denn der homosexuelle Sammy hat sich einst nach Joes Verschwinden der schwangeren Rosa angenommen und sie geheiratet. Als der Junge Joe nach Hause bringt, entflammt die Liebe zu Rosa aufs neue. Sammy räumt diskret seinen Platz, allerdings nicht ohne vorher noch ein letztesmal aufzutrumpfen. In einer Senatsanhörung, die sich mit der angeblich moralschädigenden und unamerikanischen Wirkung der Comics auf die Jugend beschäftigt, verteidigt Sammy das Werk von "Kavalier & Clay". In Gestalt kleiner jüdischer Zeichner treten hier die Superhelden alle noch einmal auf und tragen am Ende den Sieg davon. Ein Sieg, der sie jedoch endgültig vernichtet.

Wer diesen wundervollen Roman in der gebunden Ausgabe vom Herbst 2002 verpaßt haben sollte, und ich räume freimütig mein Versäumnis ein, ihn nicht gleich damals mit einem Artikel entsprechend gewürdigt zu haben, wer also damals das Buch nicht bemerkt hat, der wird hiermit ultimativ aufgefordert, es jetzt im Frühjahr 2004 in der Taschenbuchausgabe sofort zu lesen.