Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2003

"Der Schatten des Windes" - Carlos Ruiz Zafon nimmt uns mit auf den Friedhof der vergessenen Bücher

Dezember 2003

Barcelona in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der 11-jährige Daniel wird von seinem Vater, der eine mäßig erfolgreiche Buchhandlung besitzt, bei der Hand genommen und zu einem geheimnisvollen Ort geführt. Es ist die Bibliothek der vergessenen Bücher. Daniel erfährt, daß jeder, der dieses Archiv zum erstenmal betritt, eines der hier verwahrten und von allen Menschen vergessenen Bücher adoptieren muß.

Zafon Carlos Ruiz Zafon,
Der Schatten des Windes

527 Seiten
Insel Verlag

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"Was du hier siehst, Daniel", sagt der Vater, "ist ein Mysterium. Jedes Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben." Auch Daniel soll Pate eines dieser Bücher werden und dafür sorgen, daß es weiterlebt und nie verschwindet. Schnell fällt ihm ein in weinrotes Leder geschlagenes Bändchen auf. "Der Schatten des Windes" von einem gewissen Julian Carax. Daniel spürt, daß dieses Buch und nur dieses auf ihn gewartet hat. Sofort beginnt er mit Nachforschungen. Wer war der Mann, der diesen Roman geschrieben hat? Doch egal wen Daniel fragt, niemand kennt Julian Carax, niemand kann ihm mehr über den Schriftsteller sagen. Das einzige, was er herausbekommt, ist, daß ein Unbekannter seit Jahren alle erschienen Ausgaben des Buches aufkauft, um sie zu verbrennen. Daniel stürzt sich in die Lektüre des einzigen verbliebenen Exemplares von "Der Schatten des Windes". Es ist die mitreißende und tragische Geschichte eines jungen Mannes, der sich in ein Mädchen aus reichem Hause verliebt, eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Treue, aber auch über Niedergang und Zerfall. Und es ist die Beschreibung der düsteren Jahre, die Spanien unter der Franco-Diktatur durchstehen mußte. Diese Geschichte läßt Daniel nicht mehr los, er ist ihr verfallen und sie bestimmt sein Heranwachsen, sein Leben wird sich durch dieses Buch für immer verändern.

"Der Schatten des Windes" ist aber gleichzeitig der Titel des Buches, das wir gerade lesen und in dem die Geschichte Daniels erzählt wird. Beide Geschichten, die von Daniel und die aus dem Roman, den er liest, vermischen sich. Jeder Versuch, die vielschichtige Struktur wiedergeben zu wollen und die von Zafon äußerst kunstvoll geknüpften Handlungsstränge zu entwirren, endet zwangsläufig mit einer Kapitulation. Ich habe schon mehrfach ernsthafte Probleme bekommen, Freunden und Bekannten diesen Roman mit einer einfachen Inhaltsangabe schmackhaft zu machen. Am Ende hörte sich das alles immer banal und platt an. Dieses Buch muß man einfach selber lesen, um zu verstehen, mit welcher Perfektion und scheinbar spielerischer Leichtigkeit Carlos Ruiz Zafon hier zu Werke geht.

Das phantastische Netz, das er uns präsentiert, ist so fein gewebt, daß die Übergänge zwischen den beiden Hauptsträngen der Story bald kaum noch wahrzunehmen sind. Zafon verliert aber keinen seiner zarten Fäden aus den Händen, alles fügt sich irgendwie mühelos zusammen. Diese Mischung aus Liebesgeschichte und Abenteuerroman hält seine Leser bei der Stange, auch wenn besonders gegen Ende des Romans doch einiges vorhersehbar oder sogar langatmig wirken mag. Gleichzeitig ist "Der Schatten des Windes" ein politischer und historischer Roman über die Zeit nach dem spanischen Bürgerkrieg. Zafon führt uns in ein düsteres, fremdartiges Barcelona, in dem die Schergen Francos und eine allmächtige Geheimpolizei das sagen haben.

In Spanien hat "Der Schatten des Windes" schon kurz nach Erscheinen eine Art Zafonamia ausgelöst, was 15 Auflagen belegen. Und glaubt man dem Verlag, so wurde der in seiner Heimat mit Preisen überhäufte Roman inzwischen in 18 Sprachen übersetzt. Mancher Kritiker will uns gar schon weis machen, mit diesem Werk habe sich Zafon in den Kanon der unsterblichen Weltliteratur hineingeschrieben. Das halte ich dann doch für etwas übertrieben und hysterisch. Aber mit Sicherheit ist "Der Schatten des Windes" einer jener Romane, in die man sich blind hineinfallen lassen kann und die man atemlos verschlingt. Bestes Lesefutter also. Und wer es dann mit klarem Verstand nochmal liest, der sollte es auf jene wertvollen Spuren der Vergangenheit abklopfen, es lesen als eine Beschreibung Barcelonas in den Vierzigern, eines Barcelonas, das längst untergegangen ist.