Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2003

Wittgenstein zum Schleuderpreis - "Die Wiener Ausgabe" des Nachlasses bei Zweitausendeins (aktualisierte Version)

Februar 2003

Die letzte Version dieses Artikels vom Januar 2002 endete mit dem großen Wunsch, daß Zweitausendeins das Reprintvorhaben des Wittgensteinschen Nachlasses unbedingt fortsetzen möge. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Nach den "Bänden I - V" (leider schon vergriffen) liegt seit dem Herbst 2003 nun auch das sogenannte "Big Typescript" als extrem wohlfeile Ausgabe für rund 15 Euro vor. Alle Fans von Wittgenstein sollten, wie schon bei der ersten Teillieferung, unbedingt zugreifen. Denn der ursprüngliche Preis der "Wiener Ausgabe" (Die kompletten Schriften des Nachlasses) lag einst bei einigen 1000 DM. Wittgenstein bei Zweitausendeins: gewichtiger Inhalt in bester Qualität zum Schleuderpreis.

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." Für einen Philosophen ist dieser Satz wie Dynamit. Gelegt hat diesen Sprengsatz Ludwig Wittgenstein (26.4.1889 - 29.4.1951) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bis heute sind sein Leben und sein Werk von einer Aura des Unergründlichen umgeben. Wittgenstein überrascht immer wieder durch Brüche, Kehrtwendungen und Gleichgültigkeit gegenüber den Konventionen des bürgerlichen Lebens und gilt gleichzeitig als einer der bedeutensten Denker des 20. Jahrhunderts.

Wittegenstein Ludwig Wittgenstein,
Wiener Ausgabe Bd. 1 - 5
Hrsg. von Michael Nedo

1300 Seiten
Zweitausendeins

The Big Typescript
Hrsg. von Michael Nedo

550 Seiten
Zweitausendeins

Nur bei Zweitausendundeins!


Zugegeben, er hat es seinen Lesern und Schülern nicht leichtgemacht. Lediglich eine einzige Schrift erschien zu seinen Lebzeiten, die "Logisch-philosophische Abhandlung". Sie ist eher bekannt unter dem lateinischen Titel, der freilich nicht von Wittgenstein stammt: "Tractatus logico-philosophicus". Nur bei wenigen Autoren der Weltliteratur sind der Schreiber und sein berühmtestes Werk zu einer Art feststehenden Begriff verschmolzen; Wittgensteins Traktat, das ist wie Goethes Faust oder Homers Odyssee. Der Traktat war ein ehrgeiziger und furioser Entwurf und wurde rasch legendär. Doch diesem schmalen Bändchen steht ein geradezu monströser Nachlass gegenüber. 20.000 Blätter, die bis heute in großen Teilen nur unzureichend gesichtet oder veröffentlicht wurden. Die sogenannte" Wiener Ausgabe", herausgegeben von Michael Nedo, will das ändern. Ein ehrgeiziges Unterfangen, von dem aber alle Wittgenstein-Leser enorm profitieren werden.

Wittgenstein hat stets freimütig bekannt, seine Gedanken trotz hartnäckiger Versuche nicht in eine Richtung lenken zu können. Deshalb hat er sie meist kreisförmig um den jeweiligen Gegenstand seiner Betrachtung kreisen lassen. Ihm ging es nicht um unumstößliche Postulate, sondern um Annäherungen, sein Leben lang. Seinen Nachlassverwaltern ließ er konsequenterweise freie Hand beim Publizieren. Davon machten diese reichlich Gebrauch, indem sie zu ihnen passend erscheinenden Oberbegriffen wie "Über Farben" oder "Über Gewissheit" alles heraussuchten, was sie in den Typoskripten, Notizbüchern und Zettelsammlungen finden konnten. Vom mühevollen und selbstquälenden Kreisen der Gedanken, von den beschwerlichen Wanderungen Wittgensteins in den Gedankenwelten blieb dabei meist nicht viel übrig.

Michael Nedo, selbst Schüler Wittgensteins in Cambridge, zeigt uns Wittgenstein nun seiten- und zeilentreu. In der "Wiener Ausgabe" sollen alle erhaltenen Notizbücher textkritisch veröffentlicht werden. Viele dieser Notizbücher, von denen Wittgenstein sogar als Soldat an den Fronten des ersten Weltkrieges immer mindestens ein Exemplar dabei hatte, dienten als Grundlage für Zusammenfassungen und weiterführende Überlegungen. Die Notizbücher und Synopsen, die die Bände 1 bis 5 der "Wiener Ausgabe" bilden (und um die geht es hier) sollten Wittgenstein am Ende zu seinen "Philosophischen Bemerkungen" führen und gleichzeitig Gegenstück und Fortführung des Traktatus sein. Vollendet hat Wittgenstein sie nicht.

"Warum ist Philosophie so kompliziert, obwohl sie doch die Dinge eigentlich klar machen sollte" fragt Wittgenstein und setzt seine Untersuchungen zur Theorie der wissenschaftlich brauchbaren Sprache (das Kernthema des Traktatus) fort. Diesmal geht es aber nicht mehr allein um eine logische Sprachkultur, sondern umgekehrt, um die Verabsolutisierung von Sprache und Sprachstil, und die daraus resultierende Überwindung der sprachlichen Verwirrung. Wittgenstein ging es darum, der "Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel der Sprache" zu begegnen. Das hat viel mit Mathematik und Logik zu tun und ist durch die mäandernde und ausufernde Art des wittgensteinschen Denkens schwer zu verfolgen. Doch es lohnt sich. Die Bände 1 bis 5 der "Wiener Ausgabe" sind, laut Zürcher Zeitung, gewissermaßen das Missing Link zwischen dem Traktatus und den (posthum erschienenen) "Philosophischen Bemerkungen".

Das "Big Typescript" war Wittgensteins Versuch, die Gedankenfülle nochmals zu kondensieren und zu ordnen, die er in den insgesamt 10 Manuskriptbänden zuvor über Jahre gesammelt hat und die in den Bänden I - V der Wiener Ausgabe nachzulesen sind. Mit dem "Big Typescript" ist jeder Leser in der Lage, sorgfältiges Studium vorausgesetzt, die Wittgensteinschen Gedankengänge besser nachzuvollziehen, denn wer entdeckt, wo Wittgenstein kürzt, zusammenfaßt, verwirft und umgruppiert, kommt einem Verständnis der Philosophie Wittgenstein wieder einen kleinen Schritt näher. Das "Typescript" ist eine erste Summe der Reflexionen, die Wittgenstein seit 1929, also nach seiner Rückkehr nach Cambridge, angestellt hat.

Und nach wie vor gilt: Zweitausendeins unbedingt in hunderten von Briefen nachdrücklich darum bitten, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um auch die weiteren Bände der "Wiener Ausgabe" künftig so wohlfeil ins Sortiment zu hieven.