August 2003
Zeit seines Lebens hat Arno Schmidt fotografiert. In den 30er und 40er Jahren waren es in der Regel private Schnappschüsse, also Bilder von Freunden, Bekannten und Kollegen, Erinnerungen an Reisen und Ausflüge oder mit einem schnellen Druck auf den Auslöser festgehaltene Situationen am Arbeitsplatz und zuhause. Fotos, wie sie wohl jeder schon einmal gemacht hat.
Arno Schmidt,
Vier mal Vier. Fotografien aus Bargfeld
180 Seiten mit ca. 120 Vierfarbfotos
Suhrkamp Verlag
Als sich dann in den 50er die ersten Erfolge als Autor einstellten, bekam das Medium Fotografie für Arno Schmidt einen neuen Stellenwert. Fotos wurden, wie Zeitungsschnipsel und Postkarten als Material für das Schreiben gesammelt. Die Kamera wurde für Schmidt zum Hilfsmittel für optische Notizen auf seinen Recherchereisen. In der Regel waren diese Gedächtnisstützen einfache Fotografien in Schwarzweiß und Schmidt benutzte sie meist, um für seine historischen Romane Schauplätze zu rekonstruieren.
Ab 1964 bekommen Schmidts Fotos dann eine ganz neue Qualität. In diesem Jahr fiel ihm nämlich eine zweiäugige Spiegelreflexkamera mit dem ungewöhnlichen Negativformat von vier mal vier Zentimetern in die Hände, zusammen mit den passenden Diafilmen. Schon nach einer kurzen Phase der Eingewöhnung und des Experimentierens löste sich Schmidts Fotografieren von der Funktion eines reinen Schreib-Hilfsmittels und wurde zum selbstständigen künstlerischen Medium. Der Schriftsteller Schmidt war bis zu seinem Tod 1979 auch Fotograf. Gut zweieinhalbtausend Farbdias fanden sich am Ende im Nachlass des Bargfelder Literaten. Zum ersten mal wird mit dem vorliegenden Buch eine kleine Auswahl daraus den Arno Schmidt Fans (und nicht nur denen) zugänglich gemacht.
Die Motive für seine Fotos hat Schmidt vorwiegend in Bargfeld und Umgebung gefunden, was nicht verwundert, denn er war in seinen letzten eineinhalb Lebensjahrzehnten alles andere als reisefreudig und beweglich. Schon bei einem flüchtigen Durchblättern des Bandes zeigt sich, daß sich Arno Schmidt auch beim Blick durch die Kamera auf seine ganz besondere Beobachtungsgabe veralassen konnte. Er, der sein Auge über viele Jahre hinweg geschult hat, auch die kleinsten Nuancen und Abweichungen in vermeindlich vertrauter Umgebung zu finden, der durch Weltbeschreibung seine Sinne trainiert hat für Strukuren, und Details, nimmt auch beim Fotografieren seine ganz eigenen Standpunkte ein und findet neue Perspektiven.
Wenig Personen nur finden wir auf den Bildern, hin und wieder ragt zumindest ein Schatten in die Abbildung (meist der des Fotografen Schmidt), gelegentlich auch eine Hand oder ein Arm. Auf einigen Fotos sehen wir Schmidts Katzen und am Ende des Bandes eine sehr dynamische Aufnahme von seiner Frau Alice, die aus einem Schwimmbecken auftaucht. Ansonsten viel Natur. Die Landschaft rund um Bargfeld, der Wald, die Wiesen und die Heide wirken hier allerdings seltsam fremd und verzaubert. Wie in seinen Landschaftsbeschreibungen in den Romanen, formt Schmidt auch auf den Fotografien die Umwelt nach seinen Wünschen. Diese Fotos zeigen einen ganz subjektiven Blick auf Bargfeld und Umgebung, und sie sind wunderbare Hilfsmittel bei der Lektüre vieler Schmidtscher Texte, vor allem bei "Zettels Traum". Die Bilder von den mit Worten beschriebenen Landschaften können wir nun in unserer Vorstellung mit Hilfe der Fotografien noch präziser gestalten. Schmidts Fotos schärfen somit auch den Blick auf seine Texte.
"Vier mal Vier. Fotografien aus Bargfeld" ist eine Edition der Arno Schmidt Stiftung, die nach dem Zusammenbruch des Haffmann Verlages bei Suhrkamp ein neues verlegerisches Zuhause gefunden hat. Die Auswahl der Farbdias für diesen Band traf einer der führenden Experten für Fotografie, der Archivar und Ausstellungsmacher Janos Frecot, Gründer und langjähriger Leiter der »Photographischen Sammlung« der Berlinischen Galerie. Ich bin mir sicher, dieses Buch wird nicht nur Schmidt-Fans begeistern.
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