Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2003

Wie debütiert man als russischer Mafiosi - Gary Shteyngart serviert uns eine rasante Verbrecherkomödie

Dezember 2003

"Weizenjuden" werden sie abfällig genannt, jene russischen Immigranten, die von US-Präsident Jimmy Carter nach Amerika geholt wurden, gegen entsprechende Geitreidelieferungen in die UdSSR . Vladimir Girshkin, der Held in Gary Shteyngarts "Handbuch für den russischen Debütanten" ist einer dieser Weizenjuden, der einzige Sohn und die große Hoffnung seiner ehrgeizigen Eltern, die, aus Leningrad kommend, in einer uniformen Vorstadt New Yorks immer noch auf die Erfüllung des großen amerikanischen Traums von Ruhm und Geld hoffen.

Shteyngart Gary Shteyngart,
Handbuch für den russischen Debütanten

496 Seiten
Berlin Verlag

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Wir schreiben das Jahr 1993 und Vladimir Girshkin feiert seinen 25. Geburtstag. Er hat eine hervorragende Ausbildung genossen und seinen slawischen Akzent erfolgreich weggeschliffen. Seinen Lebensunterhalt verdient er, mehr schlecht als recht, als Sozialarbeiter im Emma-Lazarus-Verein zur Integration ausländischer Einwanderer. Allerdings fragt er sich ernsthaft, ob diese Einrichtung, in der unter anderem auch der internationale Tag des ausländischen Haustieres gefeiert wird, diesmal angeführt von einer bengalischen Schildkröte, das Ziel seiner gesammelten Anpassungsstrategien gewesen sein soll. Vladimir will endlich zu Geld kommen. Als der tobsüchtige Rybakow und dessen bester Freund, ein batteriebetriebener Ventilator, unverhofft in sein Leben treten, ergibt sich die Möglichkeit, dazu - und zwar über Rybakows Sohn, der “Das Murmeltier” genannt wird. Dessen Wirkungsstätte ist Prawa, die Hauptstadt des Wilden Ostens. Natürlich ist mit diesem "Paris der 90er" Prag gemeint, wo reiche Amerikaner in einer Art selbstgewähltem Exil auf Vollkaskobasis aus lauter Langeweile so tun, als ob sie zu einer verlorenen Generation gehörten. Hier wird munter der Kommunismus zu Grabe getragen und der Sieg des Kapitalismus gefeiert. Prawa, das ist eine Stadt, die gefangen ist in einer merkwürdigen Zeitblase. Prawa steckt irgendwo fest auf halbem Weg zwischen sowjetischem Imperialismus und dollargesteuerter Globalisierung.

In dieser merkwürdigen Zwischenwelt fühlt Vladimir sich schnell wohl. Als Ost-West-Doppelagent mit intimer Kenntnis der amerikanischen Psyche und der russischen Seele lanciert er unter anderem ein ausgeklügeltes Schneeballsystem, mit dem er den Amerikanern das Geld ihrer Eltern aus der Tasche zieht oder vekauft inmitten einer Traube von "bisnesmeny" Träume von blühenden Landschaften, wo jetzt noch die Schlote abgewirtschafteter Kombinate vor sich hin qualmen.

Das alles und noch viel mehr erzählt Gary Shteyngart, selbst 1972 in Leningrad geboren und sieben Jahre später mit seinen Eltern in die USA ausgewandert, in halsbrecherischem, fast atemlosem Tempo. Sein Text sprüht vor Ironie und aberwitzigem Humor. Ein abstruser Einfall jagt den anderen, es gibt Metaphern und Anspielungen in Hülle und Fülle, geniale Wortspiele wechseln sich ab mit platten Gags. Dabei versteckt Shteyngart geschickt ein - eigentlich tieftrauriges - Immigrantenschicksal im Zeitalter der Globalisierung hinter einem Feuerwerk von Pointen. Sein Held Vladimir steht immer auf verlorenem Posten, sowohl als anpassungswilliger und anpassungsfähiger Russe, der sich redlich bemüht im kapitalistischen Amerika Fuß zu fassen, als auch in seiner Rolle als durchgeknallter Russenmafiosi in Osteuropa.

Thematisch hat Shteyngart sein "Handbuch für den russischen Debütanten" fest im Griff, stilistisch allerdings lässt er - leider - die Zügel hin wieder schleifen. Wer in diesem Roman geschliffene Prosa erwartet, wird mit Sicherheit enttäuscht. Shteyngarts Buch lebt von einer beinahe atemlosen Dialoglastigkeit, die in ihrer Schnoddrigkeit und Treffsicherheit durchaus beachtenswert ist. Leider ist Shteyngart - vor allem gegen Ende seines Romans - manchmal zu sehr bemüht, besonders originell und cool zu sein. Vielleicht werden auch diverse Klischees etwas zu häufig bedient. Jedenfalls bringt das dem Buch leichte Abzüge in der B-Note. Alles in allem aber ist Shteyngarts "Handbuch" ein durchaus gelungenes und vielversprechendes Roman-Debüt, angesiedelt irgendwo zwischen Nabokov, Roth und T.C. Boyle.