März 2003
Im August 2004 jährt sich zum 100. mal die Schlacht am Waterberg. "Waterberg?! Wo ist das denn?", wird nun jeder fragen. Die Antwort: Im heutigen Namibia, damals noch wilhelminsch-knapp "Deutsch-Südwest" genannt. Am Waterberg schlugen deutsche Truppen einen Aufstand der Hereros blutig nieder und jagten die Überlebenden anschließend in die Wüste, wo die meisten von ihnen elendig verhungern und verdursteten. Auf die Spuren dieses auch von vielen deutschen Historikern verdrängten und vergessenen Vorfalles begibt sich Gerhard Seyfried in seinem Debütroman "Herero".
Gerhard Seyfried,
Herero
604 Seiten
Eichborn Verlag
Der junge Kartograph Carl Ettmann kommt Ende 1903 nach Deutsch-Südwestafrika, um das Land neu zu vermessen. (Daß es sich bei Ettmann ganz eindeutig um ein Alter Ego Seyfrieds handelt, ist offensichtlich. Eine Reise nach Namibia sorgte vor einigen Jahren bei Seyfried für die Kernidee zu diesem Roman und Skizzen, die der Autor bei dieser Reise durch Namibia gemacht hat, werden im Buch als Zeichnungen Ettmanns ausgegeben. Nicht zuletzt hat sich Seyfried wiederholt als großer Liebhaber der Kunst und der Wissenschaft der Kartografie geoutet, denn keine andere Disziplin diene dem Menschen besser dazu, Unbekanntes und Verwirrendes durch Abstraktion und Reduktion lesbar und verständlich zu machen.) In Swakopmund trifft Carl Ettmann die lebensfrohe und abenteuerlustige Fotografin Cecilie Orenstein (von ihr sollen übrigens die im Buch abgedruckten zeitgenössischen Fotos aus "Deutsch-Südwest" stammen).
Doch ihr Plan, gemeinsam das Land zu bereisen wird vom Aufstand der Hereros durchkreuzt. Ettmann wird eingezogen und soll als Kanonier unter Hauptmann Franke den belagerten Deutschen zur Hilfe eilen. Die Ereignisse, die am Ende in der Schlacht am Waterberg gipfeln, werden dabei tagebuchartig aus der Sicht von vier Personen erzählt. Von Ettmann selbst, von Cecilie Orenstein, die während des Aufstandes mit einem Pfarrer Namens Lutter unterwegs ist, von Hauptmann Viktor Franke, sowie dem Herero Petrus, der am Ende mit den übrigen Überlebenden des Aufstandes durch die Wüste irrt. Bis auf Cecilie Orenstein und Carl Ettmann handelt es sich bei allen anderen Figuren im Roman um historische Personen.
Seyfried ist um größtmögliche Authentizität bemüht, seine ausgiebigen Recherchemühen und sein Fleiß beim Aufstöbern historischer Zeugnisse werden im Impressum des Romans sogar ausdrücklich gelobt, als ob das nicht selbstverständlich ist bei einem historischen Roman. Leider ist das, was so gelobt wird, aber auch ein Manko des Buches. An manchen Stellen wirkt der Text in seinem Bestreben, authentisch um jeden preis zu sein, monoton und überladen. Man kann förmlich das Rauschen im Blätterwald der Rechercheergebnisse hören. Hinzu kommt der zwanghafte Versuch Seyfrieds, alles bis ins kleinste Detail und in enzyklopädischer Breite beschreiben zu wollen: sei es die Handhabung der Kruppkanone Nr. 90, Baujahr 1874, des Heliographen oder der technischen Geräte eines Landvermessers. Seyfried präsentiert seine im 19. Jahrhundert spielende Handlung im Stil eines Romans des 19. Jahrhunderts, einschließlich der Rechtschreibkonventionen des Jahres 1904. Das ermüdet bisweilen, zumal die Lesestrecke sich über fast 700 Seiten erstreckt.
Auch wenn das Verhältnis von Gut und Böse, von deutschen Kolonialherren und afrikanischer Bevölkerung mitunter in wenig nuancierten Schwarzweißtönen geschildert wird und der Alltag der Kolonialtruppen oft an Zinnsoldaten im Sandkasten eines ambitionierten Hobbystrategen erinnert, langweilig ist Seyfrieds "Herero" auf keinen Fall. Der Roman des Cartoonisten aus Kreuzberg bietet interessante Einblicke in eine verschüttete und finstere Episode deutscher Geschichte, und Seyfried ist von der redlichen Absicht getrieben, die Ereignisse des Herero-Aufstandes von zahlreichen Verfälschungen einer Geschichtsschreibung der Sieger zu befreien. Spätestens zum 100. Jahrestag der Schlacht von Waterberg wird nicht nur in Namibia eine Debatte über Verantwortung, Gedenken und Wiedergutmachung erwartet.