Mai 2003
Als der Fotograf August Sander (1876 - 1964) in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts begann, an einer umfangreichen Porträtserie zu arbeiten, konnte er nicht ahnen, daß ihn dieses Projekt sein ganzes Leben lang beschäftigen würde. Doch trotz aller Anstrengungen, zum Abschluß konnte er es nicht bringen: "Menschen des 20. Jahrhunderts" blieb ein unvollendetes Werk. Nach rund zehnjähriger Forschung hat nun die "Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur" in Köln, die den Nachlaß Sanders betreut, eine Werkausgabe herausgegeben, die eine den Intentionen des Fotografen folgenden Einblick in das faszinierende Bildkonvolut ermöglicht.
August Sander,
Menschen des 20. Jahrhunderts (Gesamtausgabe)
7 Bände i. Schuber
zus. 1436 Seiten
Schirmer/Mosel
Diese Werkausgabe, mustergültig erarbeitet von Susanne Lange, Gabriele Conrath-Scholl und Gerd Sander, präsentiert die Porträts in sieben Bänden und folgt dabei dem Konzept August Sanders, das sieben Gruppen mit insgesamt über 45 Bildmappen vorsah. Die einzelnen Gruppen sollten sich inhaltlich an verschiedenen Gesellschafts- und Berufsgruppen orientieren:
1.) Der Bauer
2.) Der Handwerker
3.) Die Frau
4.) Die Stände
5.) Die Künstler
6.) Die Großstadt
7.) Alter, Krankheit und Tod
Auch wenn einzelne Fotografien Sanders durchaus bekannt sind und in der Regel für einen unmittelbaren, sachlich exakt abbildenden Stil stehen, lassen sich erst mit dem Blick auf das Gesamtwerk Sanders die wahren Absichten des Fotopioniers erfassen.
Sämtliche Aufnahmen, die Agust Sander für seine Menschen des 20. Jahrhunderts gemacht hat, belegen nicht nur die scharfe Beobachtungsgabe und das psychologische Einfühlungsvermögen des Photographen, sondern führen auch kulturhistorische Aspekte und Entwicklungen lebhaft vor Augen: zum Beispiel Handwerke, die einer zunehmenden industriellen Fertigung gewichen sind oder den Wandel des Frauenbildes innerhalb der Gesellschaft.
August Sander,
Menschen des 20. Jahrhunderts (Studienausgabe)
288 Seiten
Schirmer/Mosel
Unterschiedliche soziale und politische Lebens- und Berufsauffassungen werden von Sanders feinfühlig eingefangen. Sie drücken sich in der jeweiligen Portraitaufnahme durch eine charakteristisch erfasste Gestik der Menschen, ihre Frisuren, ihre Kleidung oder auch durch die von ihnen mitgeführten Utensilien aus. Dabei verliert der Fotograf zu keiner Zeit den nötigen Respekt gegenüber dem Individuum, das stets vor dem Hintergrund seines Lebensumfeldes betrachtet wird.
"Sander hat keine Menschen sondern Typen photographiert. Menschen, die so sehr ihre Klasse, ihren Stand, ihre Kaste repräsentieren, daß das Individuum für die Gruppe genommen werden darf. (...) Was Sander da gegeben hat ist allerbeste Arbeit, eine vollständige Soziologie ohne Text”. So beschrieb 1930 Kurt Tucholsky die Arbeit seines Freundes. Der siebenbändige Werkkatalog (oder für Menschen mit etwas schmalerer Geldbörse der einzelne Studienband) darf mit Recht als ein ”Jahrhundertwerk auf dem Gebiet der Photokunst” (Klaus Honnef) angesehen werden, je nach Sichtwinkel sind sie mal fotografisches Kunstwerk, mal gesellschafts- und/oder kulturpolitisches Dokument. Leider, leider ist die Werkausgabe nicht gerade besonders preiswert, aber wer sich ernsthaft mit der Geschichte der Fotografie beschäftigt, kommt um die "Menschen des 20. Jahrhunderts" von August Sander nicht herum.