Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2003

Bitte nehmen Sie Platz - Der Fotograf Horst Wackerbarth zieht mit einem roten Sofa quer durch Europa

Dezember 2003

Bei den großformatigen Fotobücher, die der Verlag Gruner und Jahr unter dem bewährten Markenzeichen GEO herausbringt, kann sich der Leser auf eines ganz fest verlassen. Hier bekommt er Qualität geboten. So auch bei diesem Bildband des vielfach ausgezeichneten Fotografen Horst Wackerbarth.

Wackerbarth Horst Wackerbarth,
Die Rote Couch

240 Seiten
Gruner & Jahr Verlag

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Viele Jahre hat der 1950 in Fritzlar geborene Wackerbarth sich mit Mode- und Werbefotografie über Wasser gehalten, und das gar nicht mal so schlecht. Heute bedauert er das, denn diese Jahre, so glaubt er, könnten ihm am Ende bei der Umsetzung seines ehrgeizigen Projektes einer "Galerie der Menschheit" fehlen. Begonnen hat er dieses Vorhaben 1979 zusammen mit dem US-Amerikaner Kevin Clarke. Mehrere Monate zogen sie mit einem Kombi durch die USA, um Menschen zu fotografieren. Sie wollten ein Spiegelbild der Gesellschaft entwerfen, indem sie Porträts von Menschen aller Alterstufen, Rassen und sozialer Schichten sammelten. Das verbindende Element für diese Porträts war das rote Sofa, auf dem die fotografierten Menschen Platz jeweils nahmen und das immer in den jeweiligen Lebensraum der Porträtierten gebracht wurde.

Nach dem großen Erfolg des ersten Bandes "The Red Couch - A Portrait of America" hat sich Wackerbarth nun Europa gewidmet. Hunderte völlig verschiedene Menschen hat der Fotograf gebeten, auf seinem rotem Sofa Platz zu nehmen. Menschen, die den unterschiedlichsten Religionen, Ethnien, sozialen Schichten angehören, Prominente und Unbekannte. 150 dieser Porträts mit dem roten Sofa sind in dem vorliegenden Bildband nun veröffentlicht worden.

Und weil Wackerbarth nicht einfach nur an guten Bildern interessiert ist, sondern, wie er sagt, Individuen sammeln möchte, hat er nicht nur einfach fotografiert. Ebenso wichtig war es ihm, mit den Menschen zu sprechen, ihnen Fragen zu stellen. Zum Beispiel nach dem interessantesten Erlebnis ihres Lebens, nach Glück und Unglück, nach schlimmen Erfahrungen oder großen Fehlern, aber auch nach ihrem größten Wunsch, nach ihrer Arbeit und nach dem, was das Leben lebenswert macht. Mal lakonisch, mal ausschweifend, mal von umwerfender Schlichtheit, mal mit philosophischem Ansatz stellen die Antworten ein Kaleidoskop menschlicher Erfahrungswelt dar, das zum Nachdenken anregt. Beim Betrachten der Fotos sind die abgebildeten Personen plötzlich keine Fremden mehr, man hat das Gefühl, sich jederzeit neben sie auf das Sofa setzen zu können, um mit ihnen sofort ins Gespräch zu kommen. Das liegt daran, daß die Couch immer als ein Stück Privatheit begriffen wird, als Ort der Entspannung und Gemütlichkeit, egal wo sie steht. Den Fotografierten nahm sie dadurch die Scheu und den Betrachtern der Fotos gibt sie das einladende Signal, sich auf die abgebildeten Menschen und Situationen einzulassen. Und weil Wackerbarth die Couch obendrein noch in gänzlich ungewohnte Zusammenhänge, in abenteuerliche Arrangements und an merkwürdige Orte plaziert hat, ergeben sich immer neue und verblüffende Perspektiven.

Mit feinem Gespür vermeidet Wackerbarth bei seiner Arbeit das Klischee, er sucht stets das Besondere, ohne dabei in Kitsch oder Kult abzurutschen. Dabei entsteht aus vielen Gesichtern ein großes Mosaik, das im Idealfall so groß wird, daß einzelne Steinchen das Gesamtbild kaum noch ändern können. Von der Vision dieses Mosaiks ist Wackerbarth so besessen, daß ihm die Strapazen der anstrengenden Reisen mit einer hunderte Kilo schweren Fotoausrüstung samt Vergrößerungslabor und einem sperrigen Möbelstück, was die rote Couch nun einmal ist, nichts auszumachen scheinen. Wie die großen Reise- und Expeditionsfotografen des 19. Jahrhunderts ist er unermüdlich in Bewegung, nimmt wildeste Kapriolen des Klimas, unwegsame Wegstrecken und grenzpolitische Hürden ohne Murren auf sich, um an seiner Galerie der Menschheit zu arbeiten. Von den insgesamt 6 bis 7 Milliarden Menschen dieser Welt will Horst Wackerbarth nämlich mindestens 70.000 auf seine rote Couch kriegen. Nach Amerika und Europa heißt übrigens das nächste Ziel Afrika.

Mit den wunderschönen Fotobüchern dürfen auch wir an dieser Expedition teilnehmen. Was Wackerbarth mit seiner Roten Couch anstellt, ist nicht nur abenteuerlich und spannend, sondern auch ein ganz ungewöhnlicher und höchst individueller Beitrag zur Geschichte der Fotografie. "Die Rote Couch" ist ein wundervolles Bilderbuch zum Blättern und Festlesen oder zum Verschenken.