Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2003

Ein Held unserer Zeit - Wladimir Makanin und sein Opus Magnum über den Underground in Moskau

September 2003

Glasnost und Perestroijka, das waren politische Schlagworte, die Ende der 80er die UdSSR und mit ihr den gesamten Osten Europas in Atem gehalten haben. Mit Glasnost und Perestroijka wurde der Untergang des Kommunismus eingeläutet. Sie haben eine Weltmacht zuerst erschüttert, dann ins Wanken gebracht und am Ende mit tiefgreifenden Wandlungen das gesamte gesellschaftliche und politische Gefüge auf den Kopf (oder sollte man besser sagen: auf die Füße) gestellt.

Makanin Wladimir Makanin,
Underground oder Ein Held unserer Zeit

704 Seiten
Luchterhand Verlag

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In der russischen Belletristik allerdings hat das bislang wenig Niederschlag gefunden. (Ganz nebenbei: auch in der deutschsprachigen Literatur waren der Fall der Mauer und der Untergang der DDR lange Jahre keine Thema.) Einer der wenigen Romane, die mit erzählerischen Mitteln die verwirrenden Stimmungen und Gefühle der Umbruchzeiten in Russland zu fassen versuchen, ist "Underground" von Wladimir Makannin (in Russland 1998 erschienen).

Hauptfigur und Erzähler der Geschichte ist Petrowitsch. Früher war er ein gefeierter Schriftsteller, ein Künstler des Undergrounds, der sich - und viele andere mit ihm - nicht von offizieller Doktrin beeinflussen ließ und munter rebellisch seiner Kunst und seinem Leben nachging. Doch das ist nun vorbei. Petrowitsch fristet sein Leben in einem düsteren Wohnblock am Rande Moskaus und weigert sich neue Texte zu schreiben oder ältere wieder zu veröffentlichen. Stattdessen hütet er Wohnungen; das heißt, er nistet sich auf Geheiß verreisender Mitbewohner in deren Appartements ein und schaut nach dem Rechten. Ansonsten streift er Tag und Nacht barfuß über die endlosen Flure, auf denen er zwangsläufig mit einer Vielzahl von Menschen und ihren bizarren Schicksalen in Berührungen kommt. Petrowitsch wird so zum Kristallisationspunkt für einen wodka-seeligen Reigen merkwürdiger Geschichten und Episoden.

Es dürften wohl weit über hundert Figuren aus allen Schichten sein, die diesen Roman bevölkern. Unter ihnen sind gescheiterte Existenzen und Gewinner der Wendezeit, Psychopaten und Einsame, Kleinkriminelle und Alkoholiker, gestürzte Bonzen und korrupte Polizisten. In kürzeren oder längeren Abschnitten begleiten sie Petrowitsch. Da ist z.B. "Die kaukasische Spur", ein wunderbares kleines Kriminalstück, ferner eine Hundegeschichte, die Erzählung von Tetelin, der für eine Tweedhose sein Leben opfert, die Geschichte von Petrowitschs Bruder, der zu Sowjetzeiten in einer Psychatrischen Klinik ruhig gestellt wurde oder das Schicksal der ehemaligen Leiterin eines wissenschaftlichen Instituts, deren frühere politische Gesinnung und Überzeugung ihr nun zum Verhängnis werden und und und. Mit diesen Menschen rutscht Petrowitsch immer weiter hinab auf der sozialen Leiter. Er landet im Obdachlosenasyl, wo er seine nutzlose Schreibmaschine an sein Bettgestell kettet, und später findet er sich sogar in der psychatrischen Klinik wieder, in der auch sein Bruder seit Jahren vor sich hin dämmert. Zusammengehalten und strukturiert wird diese Flut von Alltagsdramen und -anektoden durch den reflektierenden Plauderton Petrowitschs, unter dessen heiterer Oberfläche sich allerdings ein Kern bitterer Enttäuschung und Resignation erkennen läßt.

Underground, das ist nicht nur der trunkene Bodensatz einer gebeutelten Gesellschaft, sondern auch ein Ausdruck des kulturellen Kampfes gegen die herrschenden Verhältnisse. Anhand seines Helden Petrowitsch zeigt Makanin auch, wie sich der Underground als Bewegung mit dem plötzlichen Verschwinden des Widerparts, des Feindes konfrontiert sieht. In den Zeiten der Perestroijka war auf einen Schlag scheinbar alles erlaubt und die zuvor mühsam aufgebauten Trutzburgen des Protestes fielen zusammen wie Kartenhäuser. Der Underground war gezwungen, sich neu zu definieren, neue Positionen zu beziehen. Makanin, der gelernte und lehrende Mathematiker Jahrgang 1937, hat selbst eigentlich niemals zu diesen Underground-Künstlern gehört, denn er wurde im Osten wie im Westen verlegt, wenn auch oft mit unterschiedlichen Texten. Vielleicht ist das der Grund dafür, daß seine Underground-Figuren bisweilen schematig wirken, eher wie Transporteure einer Vorstellung von Underground und nicht wie der Underground selbst. Makanin benutzt die Subkultur für sein Romanvorhaben, kann und will sie aber nicht in vollem Unfang fassen.

Gleichzeitig läßt Makanin die große Vergangenheit der russischen Literatur mitklingen. Der Untertitel "Ein Held unserer Zeit" ist eine Anlehnung an Lermontov und seinen gleichnamigen Roman. Nicht nur diesem Werk fühlt sich Makanin (und mit ihm sein Held Petrowitsch) verpflichtet. Alle großen Namen tauchen auf: Dostojewski, Tolstoi, Tschechow, Puschkin, Gogol u.v.a. Gerade diese Metaebene mit ihren vielschichtigen Bezügen zur (literarischen) Vergangenheit gibt "Underground" eine zeitlose Dimension, die den Roman zu mehr werden läßt, als nur zu einer reportierenden Beschreibung des postsowjetischen Alltags. Zugegeben, der auf äußerste Präzision ausgerichtete Schreibstil Makanins ist nicht immer leicht zu verdauen, doch hinter seiner sperrigen und bisweilen abweisenden Fassade ist "Underground" eine gefühlvolle und auf feinste Nuancen geeichte Beschreibung der russischen Gesllschaft, die ohne soziales Netz und doppelten Boden in die nachkommunistische Zeit taumelt.