Juni 2003
Die Idee war ganz einfach: es sollten so viele Bilder wie möglich aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven wie möglich von so vielen unterschiedlichen Fotografen wie möglich gezeigt werden. Nur wenige Tage nach den Anschlägen auf die Twin Towers fragten die Organisatoren von "Here is New York" die New Yorker nach diesen Fotos und wurden überschüttet mit Dias, Negativen, Abzügen und Digital Prints. Nicht nur Fotojournalisten oder andere Profis, sondern auch Feuerwehrmänner, Rettungskräfte, Polizisten, Passanten, Bankangestellte, Arbeiter, Touristen, Schulkinder, eben Fotoamateuere jeglicher Couleur folgten dem Aufruf.
Here is New York
A Democracy of Photographs
864 Seiten mit 692 Farb- und 176 Duotonfotos
Im Schuber
Scalo Verlag
Angestoßen hat das Projekt Michael Shulan. Unmittelbar nach dem Anschlag hatte er ein namenloses Foto der Twin Towers ins Schaufenster eines leerstehenden Geschäftes gehängt, in dessen Hinterzimmer er gerade arbeitete, 15 Blocks nördlich vom World Trade Center entfernt. Kurz darauf rief ihn sein Freund Gilles Peress an, ein Fotograf, der für die Zeitschrift New Yorker am Ground Zero Bilder machte, und fragte, was Shulan gerade treibe. Der erwiderte: "Ich bin in einem leeren Geschäft und starre auf eine Gruppe Menschen, die vor dem Geschäft auf ein Foto starren. Ich frage mich, ob ich noch mehr Bilder aufhängen soll?". "Mach das," lautete die ebenso kurze wie klare Antwort von Peress. Die Idee zu "Here is New York" war geboren.
Alles weitere fand sich schnell. Befreundete Fotografen, Kuratoren und Journalisten sorgten dafür, daß der Aufruf nach Fotos vom 11. September die Runde machte, und bald konnten sich alle am Projekt Beteiligten vor Fotos kaum noch retten. Um zu unterstreichen, daß das Foto an sich wichtig ist, nicht der Fotograf, wurden alle Bilder digital eingelesen, im exakt gleichen Format ausgedruckt und ohne Rahmen oder Beschriftungen an Drähten in das Ladengeschäft gehängt. Nachdrucke der Bilder wurden auf Wunsch für 25$ verkauft, zugunsten der Children’ Aid Society, einer Einrichtung, die sich um die Kinder von Opfern der Katastrophe kümmerte. Bis zum 24. Dezember waren bereits 30.000 Drucke verkauft und die improvisierte Ausstellung entwickelte sich zu einer gefragten Anlaufstelle für stille Trauer und angeregte Diskussionen.
Das Buch "Here is New York" versammelt rund 1000 der Fotos aus der Ausstellung. Es ist somit ein umfangreiches und authentisches Zeugnis dessen, was am 11. Septmeber 2001 passiert ist und was zuvor absolut unvorstellbar gewesen war. Gleichzeitig sind die Fotos auch eine unauslöschbare Erinnerung an die Menschen, die bei dem Anschlag für immer verschwanden und an die Rettungskräfte, die in einer unvorstellbaren Kraftanstrengung alles unternahmen, um doch noch Leben in den Trümmern zu retten. In diesem Buch erfahren wir beim Blick in die Gesichter der Menschen alles über ihre Emotionen, ihre Ängste und ihr grenzenloses Verlangen nach Gemeinschaft und Trost.
Fotografie ist das ideale Medium, um das zu beschreiben, was am 11. September geschehen ist, denn Fotografie ist in seiner Natur zutiefts demokratisch und obendrein auch unendlich reproduzierbar. Die Tragödie am Ground Zero hat alle New Yorker gleich getroffen, ließ niemanden imun gegen Schock und Trauer. Auch wenn die Terroranschläge für Tage weltweit das einzige Nachrichtenthema waren und alle Zeitungen der Welt auf ihren Titelseiten Bilder von den brennenden Twin Towers zeigten, für die New Yorker war das keine Nachrichtengeschichte, keine "News Story", sondern ein nicht enden wollender Alptraum. Erst als man die eigenen Bilder mit denen der anderen zu einem kollektiven Mahnmal zusammenlegte, das Ereignis 11.9. von den Massenmedien zu löste, begann für viele die Sprachlosigkeit langsam zu weichen.
So gesehn ist "Here is New York" wirklich ein demokratisches Buch und in meinen Augen als eines der wenigen, wenn nicht als einziges, geeignet, der unvorstellbaren Katastrophe gerecht zu werden. Hier geht es nicht um eine Auswahl der "besten" oder "ausdrucksstärksten" Fotos, sondern darum, einen Blick auf das Ganze zu ermöglichen, das kollektive Erlebnis der Katastrophe nachvollziehbar zu machen. Es gibt Ereignisse, die werden durch ein treffendes Foto symbolisch eingefangen, im Falle der Tragödie vom World Trade Center vermag das ein einzelnes Foto nicht, sondern erst die Gesamtheit aller dieser Fotos.
Auch die Erlöse aus dem Verkauf des Buches gehen übrigens an die bereits erwähnte Children’ Aid Society und das gesamte Archiv mit allen eingeschickten Fotos kann auf der Website von "Here is New York" angeschaut werden. (Nachtrag: die Website existiert leider nicht mehr. (Aug. 2007))