November 2003
"Ich heiße Christopher Francis Boone. Ich kenne alle Länder der Welt und ihre Hauptstädte und sämtliche Primzahlen bis 7.507." So beginnt der Roman "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone". Als Christopher fünfzehn Jahre, drei Monate und zwei Tage alt ist, findet er den toten Pudel einer Nachbarin, jemand hat Wellington, so heißt das Tier, einfach mit einer Mistgabel erstochen. Als Freund logischer Überlegungen begibt sich Christopher natürlich sofort auf die Suche nach dem Hundemörder. Dabei fühlt er sich ein bißchen wie Sherlock Holmes (der englische Originaltitel lautet The Curious Incident of the Dog in the Night-Time, was wiederum ein Zitat aus einer Sherlock-Holmes-Story ist). Auf Anraten seiner Lehrerin schreibt er seine Erlebnisse auf und genau diese Niederschrift ist es, die der Leser nun in den Händen hält.
Haddon, Mark: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Aus dem Englischen v. Sabine Hübner
282 Seiten
München: Blessing Verlag 2003
Das ist zunächst nichts besonderes, nur Christopher ist autistisch. Das heißt: er kann wunderbar mit Zahlen, Fakten und exakten Aussagen umgehen, aber Gefühle sind ihm völlig fremd. Er sieht Menschen nicht an, ob sie traurig, fröhlich, nachdenklich oder erschrocken sind. Er merkt nicht, wenn sein Vater wütend wird und seine Mutter unglücklich. Autismus bedeutet laut Lexikon, daß man in sich selbst versunken ist. Das klingt erst einmal romantisch. Wie es aber ist mit der Krankheit zu leben, das beschreibt Christopher in seinem Buch besser, als mancher Arzt es könnte: "Einige meiner Verhaltensprobleme sind: Daß ich manchmal lange Zeit mit niemandem rede. Daß ich Sachen kaputtschlage, wenn mich etwas wütend macht oder verwirrt. Daß ich gelbe oder braune Dinge nicht mag und mich weigere, gelbe oder braune Dinge anzufassen. Daß ich nichts von meinem Teller esse, wenn sich verschiedene Arten von Speisen darauf berühren".
Wenn Christopher merkt, daß er unruhig wird, hat er einen einfachen Trick, diese Unruhe zu unterdrücken. Wenn die Welt um ihn zu kreisen anfängt, dann stellt er sich Mathematikaufgaben. "Ich multiplizierte im Kopf w mit sich selbst, was mich immer beruhigt. Ich kam bis 33 554.432, also 2 hoch 25, was nicht sehr weit ist, denn ich bin auch schon mal bis 2 hoch 45 gekommen. Aber mein Verstand arbeitet gerade nicht besonders gut." Denn bei seinen Recherchen in Sachen Hundemord entdeckt er etwas ganz anderes. Etwas, was seine kleine Welt wirklich aus den Fugen geraten läßt.
Seine Mutter ist nicht, wie der Vater behauptet hat, im Krankenhaus gestorben. Sie lebt im London mit einem anderen Mann zusammen und hat ihm, ihrem Sohn, jede Woche geschrieben. Der Vater aber versteckte die Briefe. Christopher macht sich nun also, ohne den Hundemörder aus den Augen zu lassen, zusätzlich noch auf die Suche nach seiner Mutter. Mit leichter Hand erzählt Mark Haddon diese tragisch-komische Geschichte und fühlt sich dabei auf ganz erstaunliche Weise in das Innenleben eines Autisten ein. Haddon umschifft gekonnt alle Klippen und Untiefen, die auftauchen können, wenn sich Erwachsene in die Erzählperspektive von Kindern und Jugendlichen hineinversetzen. Geholfen hat ihm dabei sicher, daß er wirkliche Lebenserfahrung mit solchen Kindern hat. Haddon hat einige Jahre mit geistig und körperlich behinderten Menschen zusammengearbeitet und scheint, nicht zuletzt deshalb, ein unglaubliches Gespür für das Innenleben Christophers entwickelt zu haben.
Am Ende des Buches hat Christopher den Mord an Wellington tatsächlich aufgeklärt und seine Eltern bleiben getrennt. Aber jeder weiß wieder, wo er hingehört und es gibt keinen Streit mehr. Und Christopher ist auf sich selbst ungeheuer stolz, mit recht. Hörte seine Welt bisher am Ende der Straße auf, ist sie nun so groß wie das All geworden. Christopher hat seine Angst überwunden und ist allein von seinem Dorf mit der Bahn zur Mutter nach London gefahren. Das bedeutet für ihn, daß er jetzt alles im Leben schaffen kann, was er möchte.
"Supergute Tage" ist ein wirklich lesenswerter, kleiner und feiner Roman. Wie Haddon die Lebenswelt seines Helden Christopher schildert, ist tiefgründig, dabei extrem witzig und lebensschlau. Selbst die Probleme und Gefühle der Erwachsenen werden aus der Perspektive des autistischen Jungen eindringlich und glaubwürdig beschrieben. Am Ende steht dabei (wieder einmal) die Erkenntnis, daß kleine Dinge ganz glücklich machen können. Oliver Sacks übrigens, der berühmte Neurologe, findet Haddons Buch sehr glaubwürdig und humorvoll. Und wenn er das sagt, können wir ihm glauben.