November 2003
Zu Beginn einer Lesung oder eines Interviews erzählt John Griesemer gerne die Anekdote, wie er die Idee zu seinem Roman auf dem Müll gefunden hat. - Auf dem Müll? - Ja, auf dem Müll! Als er nämlich eines Tages, wie an jedem Wochenende, den säuberlich getrennten Abfall zur Recycling- und Sammelstelle brachte, fiel ihm dort ein altes Heft der Zeitschrift "Wired" in die Hände, und darin fand er einen Artikel von Neal Stephenson (s.a. Cryptonomicon) über ein neues weltumspannendes Glasfasernetz. Ein Teil des Artikels war ein historischer Einschub, in dem Stephenson über die technische Meisterleistung beim Verlegen des ersten Transatlantikkabels im 19. Jahrhundert schwärmte. Griesemer fing Feuer und begann mit weiteren Recherchen. Nach viereinhalb Jahren Arbeit war "Rausch" schließlich fertig.
John Griesemer,
Rausch
690 Seiten
marebuch Verlag
Wir schreiben das Jahr 1857. Die "Great Eastern", das größte jemals gebaute Schiff, soll in London vom Stapel laufen, doch es bewegt sich nicht. Unter den zahllosen Zuschauern dieser technischen Niederlage befindet sich auch der amerikanische Ingenieuer Chester Ludlow. Er hat sich mit Haut und Haaren einem anderen Mammutprojekt verschrieben. Chester Kudlow will das erste Transatlantikkabel verlegen. Mit einer illustren Schaustellertruppe, die ein naives, aber technisch brilliantes und fesselndes Drama aus lebenden Schaubildern über die Verlegung des Kabels auf die Bühne gebracht hat, begibt Chester sich auf eine Tournee um Geld für das große Vorhaben zu sammeln. Dabei verliebt er sich zu allem Überfluss auch noch in die Ehefrau des Theaterdirektors, während Chesters Frau, Franny, zurückgelassen im heimischen Maine, sich mit Chesters Bruder Otis auf spiritistische Experimente einläßt, um Kontakt mit der verstorbenen Tochter aufzunehmen. Und dann ist da noch Jack Trace, ein Zeichner und Journalist. Auch für ihn werden die "Great Eastern" und das Transantlantikkabel zum Schicksal, zu entscheidenden Wendepunkten in seinem Leben. Allen technischen, privaten, wirtschaftlichen und politischen Widerständen zum Trotz, die "Great Eastern" verläßt irgendwann das Dock und das Kabel wird schließlich nach mehreren vergeblichen Anläufen verlegt.
Am Ende des Romans besucht Chester Ludlow mit seinen Söhnen im Hafen von Liverpool den "größten schwimmende Vergnügungspark der Welt": die inzwischen ausgemusterte "Great Eastern", jenes Schiff, das zunächst partout nicht vom Stapel laufen und in See stechen wollte und später doch die Welt für immer veränderte. Denn dieses Schiff war das wichtigste Werkzeug, um das alte Europa über eine transatlantische Nabelschnur mit der sogenannten Neuen Welt zu verbinden und so den rauschhaften Aufbruch in die Moderne, in das Zeitalter der weltumspannenden Kommunikation einzuleiten.
"Signal and Noise" lautet der Originaltitel des Romans, frei übersetzt "Botschaft und Rauschen". Dieser Titel drückt viel besser aus, worum es Griesemer im Kern geht. Die Menschen des 19. Jahrhunderts waren von der Idee des Atlantikkabels förmlich euphorisiert. Sie dachten an Völkerverständigung und Frieden, und sie glaubten, daß mit dem Zusammenrücken der Kontinente eine Art globales Dorf entstehen würde, in dem die Ausbildung der Kinder gesichert ist und eine rosige Zukunft heraufzieht. So gesehen greift der historischer Roman "Rausch" weit ins Internetzeitalter hinein. Die gleichen Ideen und Ideologien werden in unserer Zeit auf das Internet und den Computern projeziert. Doch bei all dem Lärm, der dabei gemacht wird, gehen die wichtigen und entscheidenen Signale und Botschaften im Rauschen der atmospärischen Störungen meist ungehört unter. Es geht nur noch um Beschleunigung und Großmannssucht, um hochfliegende Pläne und ehrgeizige Visionen. Gestern wie heute, verstekt sich letzten Endes hinter diesem gewaltigen Lärmen und Rauschen doch nur der gleiche, zeitlose Konflikte zwischen Alter und Neuer Welt, zwischen altem und neuen Denken. Dem großen Traum von der technischen Eroberung der Welt setzt Griesemer bewußt eine für das 19. Jahrhundert typische Flucht in den Spiritismus, in die irrationale Welt der Geister und Dämonen entgegen. Otis und Franny nehmen Kontakt zur verstorbenen Betty auf und auch sie müssen erleben, wie sich Signal und Rauschen zu einer für den Menschen undurchdringbaren Mauer auftürmen. Egal ob zukunftsorientierte Technikgläubigkeit oder rückwärtsgewandter Geisterglaube, zu eindeutigem Erkenntnisgewinn oder Sicherheit führen beide nicht.
Freimütig gibt Griesemer zu, daß er seine Motivation zum Schreiben dieses Buches nicht zuletzt der Lektüre Charles Dickens' verdankt. Nach seinem Erstling "No one thinks of Greenland", das von einem einsamen Menschen in Grönland handelt, wollte Griesemer nämlich sein nächstes Buch mit einem "dickeren Pinsel malen". "Hunderte Figuren sollten es bevölkern, wie bei Dickens, und es sollte eine Vielzahl von Geschichten erzählen, es sollte prall und überbordend sein", erklärt der Schriftsteller Griesemer. Eigentlich ist er Schauspieler, war unter anderem in Malcolm X und in Tage des Donners zu sehen, doch sei Schreiben schon immer seine eigentliche, aber lange Zeit unterdrückte Leidenschaft gewesen. Seine Erfahrungen als Schauspieler haben sein Schreiben positiv beeinflußt. "Rausch" ist zwar alles andere als ein Drehbuch, doch man merkt dem Roman an, wie sehr Griesemer auf die richtige Dynamik der Figuren geachtet hat, auf ihre innere Haltung in den einzelnen Szenen und auf ihre Motivationen. "Rausch" ist ein raffiniert konstruiertes Buch, das actiongeladene Szenen und ruhige Passagen in einem ausgewogenen Verhältnis balanciert.
"Rausch" gehört zu den (vorwiegend aus dem angelsächsischen Raum stammenden) Büchern des Literaturherbstes 2003, die von der Kritik hymnisch gefeiert wurden und deshalb bei vielen potentiellen Lesern erst einmal Skepsis auslösen (auch bei mir übrigens). Doch wer sich auf dieses epische und farbenprächtige Gemälde des 19. Jahrhunderts einläßt, wird mit einem garantiert nicht unbeträchtlichen Lesevergnügen belohnt. Daß Griesemer schon jetzt mit Autorentitanen wie Doctorow, DeLillo, Pynchon oder gar seinem großen Vorbild Dickens verglichen wird, halte ich nicht für ganz abwegig.