Februar 2003
Unterwegs mit dem Traumschiff durch die Karibik - für viele Zeitgenossen ist das die Erfüllung eines wundervollen Urlaubs. Andere, und ich zähle mich freimütig dazu, sehen darin nicht mehr als einen Trip durch die Hölle. David Foster Wallace, einer jener jungen amerikanischen Autoren mit der unbändigen Lust, die USA in die Einzelteile ihrer Lebensformen zu zerlegen, wollte es genau wissen und hat sich im Auftrag des "Harper's Magazine" einem masochistischen Selbstversuch unterzogen. Am 18. März 1995 stach er mit der "Zenith" zu einer siebentägigen Luxuskreuzfahrt in See. Sein Auftrag: genau beschreiben, was an Bord passiert; sein Fazit (ebenso knapp wie eindeutig) liegt nun auch in Deutsch vor: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft bitte ohne mich.
David Foster Wallace,
Schrecklich amŸsant - aber in Zukunft ohne mich
184 Seiten
marebuchverlag
Originalton David Foster Wallace: "Ich habe erfahren, daß jenseits von Ultra-ultra-Ultramarinblau noch eine Steigerung möglich ist. Ich habe während dieser einen Woche mehr und vor allem besser gegessen, als jemals zuvor in meinem Leben und weiß nun (bei entsprechendem Seegang) um den Unterschied von Rollen und Stampfen des Schiffes. Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Alleinunterhalter vor Publikum sagt: 'Okay, jetzt aber Spaß beiseite ...' Ich habe blasslila Hosenanzüge gesehen, Sakkos von menstrualem Rosa, braun-violette Trainingsanzüge und weiße Freizeitschuhe, die ohne Socken getragen wurden. Ich habe erwachsene US-Bürger gehört, erfolgreiche Geschäftsleute, die am Info-Counter wissen wollten, ob man beim Schnorcheln nass wird, ob das Tontaubenschießen im Freien stattfindet, ob die Crew mit an Bord schläft oder um welche Zeit das Mitternachtsbüffett eröffnet wird."
In diesem Stil hat David Foster Wallace eine 180-seitige, bissig-böse Reportage verfaßt, die die liebste Freizeitbeschäftigung amerikanischer Senioren mit herzloser Brillianz verhöhnt, denn es sind in erster Linie ältere, satte und wohlhabende Vertreter der Upper Middle Class, die sich auf dem Dampfer zur "Seven Night Caribean" (kurz 7NC-Cruise) versammelt haben.
David Foster Wallace zeichnet sich als ein begnadeter auf alle alltäglichen Absurditäten geeichter Beobachter aus und ihm entgeht wirklich keine der meist unfreiwilligen Pointen, die sich aus dem Bordalltag ergeben. Zum Beispiel, wenn er eine "Single-Get-Together-Party in der Scorpio Disco auf Deck 8" als "Selbstmord-Anreiz erster Güte" schildert, weil die "wenigen echten Singles unter Siebzig" eine höchst elende Figur machen. Dabei paart er seinen analytischen Blick stets mit einer gehörigen Portion scharfer Selbstbeobachtung. Das gipfelt mitunter sogar in Verfolgungswahn, wenn er es zum Beispiel einfach nicht fertig bringt, die unsichtbaren und scheinbar allgegenwärtigen Putzkolonnen beim Aufräumen seiner zu unterschiedlichsten Tages- und Nachtzeiten mit voller Absicht verwüsteten Kabine zu stellen.
Der schnodderige Collegestil, in dem Foster Wallace seine Kreuzfahrterlebnisse beschreibt, transportiert dabei nicht einfach nur Häme und Verachtung. Nein, Wallace ist kein Griesgram oder Moralist, sondern er ist in seinem Bericht ernsthaft bemüht, die Vorgänge auf dem Schiff zu verstehen, nur leider muß er sich schnell eingestehen, daß die ihm zur Verfügung stehenden Diagnosewerkzeuge nicht greifen. Auch der Versuch in 136 Fußnoten all das unterzubringen, was erklärungsbedürftig ist, erweist sich als wenig hilfreich. Denn diese Fußnoten werden ebenso zum integralen Bestandteil seiner bösen Abrechnung. Letztlich bleibt ihm deshalb keine andere Wahl, als einfach nur akribisch genau zu schildern, wie es auf der schwimmenden Upper-Class-Kaserne zugeht. Die wahren Beweggründe zu finden, warum - um Himmels willen - sich die beschriebenen Personen bloß freiwillig dieser Kreuzfahrt-Tortur unterziehen, das überläßt Foster Wallace am Ende dem Leser.