März 2003
Padjelanta nennen es die Samen - Lappland. Hoch im Norden Europas liegt vielleicht die letzte Wildnis unseres Kontinents. Padjelanta, das höhere Land, ist weit, kahl und leer. Wanderer werden in Lapplands Hochebenen schnell zu kleinen unscheinbaren Punkten an unbewaldeten Hängen oder scheinen, kurz vor dem Horizont, nur noch einen Schritt vom Nichts entfernt zu sein.
Sigrid Damm,
Tage- und Nächtebücher aus Lappland
Bilder von Hamster Damm
225 Seiten
Insel Verlag
Genau in diese Wildnis hat es nach der Wende den Berliner Künstler Joachim Hamster Damm gezogen. Anders als viele seiner Landsleute orientierte er sich nicht nach Westen, sondern nach Norden und er fand ganz unverhofft seine neue Landschaftsliebe. Schon bald folgte sein jüngerer Bruder Tobias, auch er der schönen Kargheit Lapplands hoffnungslos verfallen.
Dann wollte sich ihre Mutter Sigrid ansehen, woher dieses merkwürdige Leuchten in den Augen des Sohnes herrührte, wenn er über seine zweite Heimat sprach. Obwohl die Schriftstellerin gerade an den Abschlußarbeiten ihres späteren Bestsellers "Christiane und Goethe" saß, fuhr sie ins nordschwedische Roknäs. Als sie das rote Holzhaus am Ende der kleinen Birkenallee zum erstenmal betrat, war ihr klar, daß sie den ruhigen Schreibort gefunden hatte, nach dem sie so lange gesucht hatte. Prompt ließ sie das Rückflugticket verfallen und blieb. Wenig später war dann auch schon die Idee zu dem vorliegenden Buch geboren. Der Wunsch, endlich einmal ein gemeinsames Projekt zu machen, hatten die Damms schon seit vielen Jahren. Jetzt wurde dieser Traum der Familienarbeit endlich wahr.
Die Geschichte, die in den "Tage- und Nachtbüchern" erzählt wird, ist aufgespannt zwischen zwei Personen. Eine Frau um die sechzig - Schriftstellerin und Goethe-Expertin - und ein Mann um die dreißig - Theaterpraktiker und Künstler - wandern sieben Tage und nächte durch Lappland. Dieselbe 120 Kilometer lange Strecke zur selben Jahreszeit, nur in unterschiedlichen Jahren. Er ist ihr Sohn. Es ist Spätherbst, der Winter naht und sie sind die letzten, die jetzt noch unterwegs sind.
Im einsamen Wandern wird die Landschaft schnell zur Topografie des eigenen Lebens. Sigrid Damm beschreibt, wie der eigene Schritt zum Rüttelsieb der Erlebnisse und Erfahrungen wird. Das unwichtigste fällt als erstes durchs Rost und schon bald stößt man auf die wirkliche wichtigen Dinge, den Kern des Lebens mit seinen ewigen Themen Geburt, Liebe, Hass und Tod. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche der Fotos und Texte in diesem Buch liegt ein tiefer See aus Metaphern, Verweisen, Geschichten und Träumen.
Diese Tage- und Nachtbücher aus Lappland haben viele Schichten und erzählen viele Geschichten, ohne dabei zum einfältigen Sinnsuchertraktat zu werden. In die leicht zu übersehende Falle esoterischer Spiritualität sind die Damms auf ihren Wanderungen nicht getappt. Ursprünglich sollte es eine aufwändig produzierte CD-ROM-Reise werden, mit raffinierter Oberfläche und experimentellen Layouts, aber zum Glück wurden die "Tage- und Nachtbücher" dann doch - trotz einiger spektakulärer Bildmontagen - zu einem ruhigen und sehr dichten Buch. Einem Buch, das sich jeder Schublade entzieht; hier prächtiger Bildband, dort beste Literatur. Die Damms schaffen es, ihre Leser in ein unbekanntes, fernes Land zu ziehen, sie mit ganz neuen Gegenden vertraut zu machen. Nämlich mit Lappland und dem eigenen Ich.