Dezember 2003
In fast jedem Büro findet man sie, diese schönen Lineale, auf deren einer Kante Längen in Zentimeter und auf der anderen in Inches abgelesen werden können. Selbst in in unserem hochentwickelten Computerzeitalter erlauben wir es uns also, unterschiedliche Längenmaße gleichberechtigt nebeneinander zu verwenden. Das kann mitunter zu kostspieligen Katastrophen führen. So verfehlte 1999 der Mars Climate Orbiter seine Umlaufbahn um den Planeten Mars, weil ein Teil des NASA-Teams die Bahnberechnung taditionell in Yards und Inches und eine andere Gruppe von Wissenschafltlern ihrer Kalkulation in Zentimeter und Meter ausgeführt hatte. Der Satellit war für immer verloren und der Schaden betrug 125 Millionen Dollars.
Ken Alder,
Das Maß der Welt. Die Suche nach dem Urmeter
544 Seiten mit 36 s/w Abb.
C. Bertelsmann Verlag
Es sind in der Tat die Amerikaner, die sich dem metrischen System immer noch weitestgehend verweigern, neben Myanmar und Liberia. Selbst die manchmal bis zur Sturheit traditionsbewußten Briten schwenken um. Im Zeitalter der Globalisierung, so haben sie erkannt, sind einheitliche Maße zwingend nötig. Sind es heutzutage nur wenige Nationen, die unterschiedliche Maße und Gewichte verwenden, so war die Lage vor gut 250 Jahren noch viel chaotischer. Eine unüberschaubare Vielfalt von Maßeinheiten sorgte für babylonische Verwirrung. Nicht nur von einer Nation zur anderen gab es Unterschiede, selbst innerhalb einzelner Staaten bestand oft keine einheitlichen Regeln; jeder Kleinstaat, jedes Fürstentum, manchmal sogar einzelne Städte verwendeten eigene Systeme. Für grenzübergreifenden Handel war das tödlich, jede effektive staatliche Verwaltung war zum Sheitern verurteilt und selbst der Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde unmöglich gemacht.
Im Juni 1792 - es waren die letzten Tage der französischen Monarchie, und der Lauf der Welt hatte sich bereits durch das revolutionäre Versprechen universeller Gleichheit verändert - wurde der erste ernsthafte Versuch unternommen, das zu ändern. Es sollte eine Maßeinheit gefunden werden, deren Grundlage die Welt selbst sein sollte. Genauer gesagt, der zehnmillionstel Teil der Entfernung zwischen Nordpol und Äquator sollte für dieses neue, allgemein gültige Maß bestimmt werden.
Die beiden Astronomen Jean-Baptiste-Joseph Delambre und Pierre-François-André Méchain machten sich von Paris aus in unterschiedliche Richtungen auf den Weg. Delambre nach Norden. Méchain nach Süden. Ihre Aufgabe war es, jenen Teil des Meridianbogens, der sich von Dünkirchen über Paris bis Barcelona zieht, zu vermessen. Dieses „globalisierte“ Maß, der Meter, sollte - ganz im Sinne der revolutionären Ideen jener Zeit - alle Erdenbürger in Gleichheit miteinander vereinen. Ein im Sinne der Aufklärung auf Vernunft und Systematik basierendes Maß sollte zum „einzigen Despoten des Universums“ bestimmt werden.
Während ihrer Reisen, die sie durch verschiedene Landschaften Frankreichs und Spaniens führten, sahen sich die beiden Astronomen mit zahlreichen Gefahren konfrontiert. Delambre entging nur um Haaresbreite der Guillotine, während Méchain zwischen die feindlichen Linien des Spanisch-Französischen Krieges geriet und inhaftiert wurde. Sieben lange Jahre dauerte ihre abenteuerliche Forschungsreise. Als sie schließlich in das durch Schreckensherrschaft und Krieg zerrüttete Paris zurückkehrten, hatte sich nicht nur ihr eigenes Leben gravierend verändert, auch die Welt und ihre alte Ordnung war aus den Angeln gehoben.
Gegen heftige Widerstände wurde die neue Maßeinheit in Frankreich eingeführt. Doch was niemand ahnte: Der Meter war kein Meter. Méchain hatte sich um 0,2 mm verrechnet. Von Gewissensbissen geplagt, versuchte er seinen Fehler zu vertuschen und verstrickte sich dabei immer tiefer in ein Netz aus Täuschung und Lüge. Erst nach Méchains frühem Tod entdeckte Delambre in den Unterlagen seines Kollegens den Berechnungsfehler. Auch er verschwieg diesen Fehler viele Jahre lang aus Loyalität dem verstorbenen Kollegen gegenüber.
Ken Alder hat sich durch den offiziellen Bericht Delambres gearbeitet, die unzähligen Logbücher und Berechnungen der beiden Wissenschaftler studiert und auch den umfangreichen Briefwechsel der beiden berücksichtigt. Tausende Seiten hat er gelesen, um sich der Geschichte von Delambre und dem unglücklichen Méchain anzunähern. Alder ist sogar mit dem Fahrrad ihrer historischen Route gefolgt. Herausgekommen ist dabei ein wahrer Wissenschaftsthriller, der genauso gut als historischer Roman durchgehen könnte. Packend und lebendig beschreibt Alder, wie unsere Methode, Maß zu nehmen, zugleich widerspiegelt, wer wir sind und auf welchen Überzeugungen unsere Weltsicht basiert. Unsere modernen, scheinbar unpersönlichen Maße sind Produkte menschlicher Erfindungsgabe und menschlicher Leidenschaften. Bestimmte Personen haben zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten die nötigen Grundlagenentscheidungen dazu getroffen. Diesen Hintergrund reflektiert Ken Alder in seinem Buch. Er beschreibt wissenschaftliche Erkenntnisse, die bis heute unsere Sicht auf die Welt prägen, erörtert die Frage nach der perfekten Wissenschaft und erzählt zugleich voller Humor und Sympathie für seine Akteure eine höchst abenteuerliche Geschichte zur Zeit der Französischen Revolution. Sehr, sehr lesenswert.
P.S.: Heutzutage übrigens wird der Meter definiert als die Strecke, die Licht im Vakuum im 299.792.458stel Teil einer Sekunde zurücklegt.