April 2002
Da steht man vor dem Bücherregal und hat plötzlich ein altes, schon leicht vergilbtes Buch in der Hand und denkt: "Da könntest Du ruhig nochmal reinschauen." So ging es mir vor kurzem mit der "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher". Zugegeben, ein besonderer Fall; denn meine erste Rezension habe ich einst zu diesem Suhrkamp-Bändchen geschrieben. 1980 war das und die Kritik ist damals tatsächlich in der Schülerzeitung meines Gymnasiums erschienen. Jetzt also diese Relektüre.
ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher.
Hrsg. v. F. J. Raddatz
453 Seiten
Suhrkamp Taschenbuch
"Man hat uns das Lesen nicht beigebracht!" - dieser Stoßseufzer, der damals wie heute in vielerlei Varianten vor allem aus der jüngeren Generation zu vernehmen war und ist, war 1978 Anlaß und Anstoß für die Redaktion der ZEIT Woche für Woche ein bedeutendes Werk der Weltliteratur vorzustellen. Eine sechsköpfige Jury, hochkarätig besetzt, sorgte für die Auswahl und lud namhafte Autoren ein, über die gewählten Bücher zu schreiben. Herausgekommen ist die "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher" (1980 als Suhrkamp Taschenbuch zusammengefaßt).
Die Spielregeln waren einfach: es gibt keine zeitlichen Begrenzungen (die Bibel kommt ebenso vor wie Grass), es gibt keine verspielten Bildungsgärtlein, nationale Grenzen existieren nicht (Anderson taucht auf und Zola), von jedem Autor nur ein Buch, es gibt keine Gedichte, Dramen oder Sachbücher (es soll eine Bibliothek der erzählenden Literatur werden). Die letzte Regel ließ sich am schwersten einhalten, deshalb wurde wenig später eine eigenständige Liste mit Sachbüchern nachgereicht, nicht zuletzt auf vielfachen Wunsch der ZEIT-Leser (mehr dazu weiter unten).
So einfach die Regeln auch sind, so schwierig und komplex ist das Spiel. Jeder Kanon ist unvollständig, unter welchen gut gemeinten Prämissen er auch geschnürt worden sei. Zu jedem Buch lassen sich Gegenargumente finden und ohne Schwierigkeiten Gegenvorschläge formulieren. Doch dieser Gefahr waren sich die Herausgeber der ZEIT-Liste bewußt. Nie, so betonen sie unablässig, sei der Versuch gemacht worden die letztgültige Liste großer Erzählliteratur vorzulegen. Die ZEIT-Liste versteht sich als Start- nicht als Zielpunkt.
Was hindert denn den Leser, den Umfang des handlichen Taschenbuches mit einer selbstgeschriebenen Liste weiterer Bücher zu vergrößern? Und wenn das Büchlein Anregung gibt, das eine oder andere aufgelistete Werk zu lesen oder noch einmal zu lesen, dann hat es seinen Zweck erfüllt; ebenso, wenn nicht zu den aufgelisteten Werken, aber zu anderen Büchern der Autoren gegriffen wird. Die Autoren der "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher" wollen zum Lesen verführen und das schaffen sie auch.
Schon die Lektüre der Liste selbst ist Vergnügen. Da schreibt Rudolf Augstein über die Bibel, Rolf Hochhuth über Melvilles "Moby Dick", Wolf Biermann über Heines "Wintermärchen", Thomas Brasch über Musils "Zögling Törless", Luise Rinser über Stendhals "Rot und Schwarz", Günter Wallraff über Zolas "Germinal", Rainer Werner Fassbinder über Döblins "Berlin Alexanderplatz" und und und ... Stets sind es nur wenige Seiten, auf denen die "Rezensenten" ihre ganz privaten Lektüreerinnerungen ausbreiten, ihr Plädoyer für das besprochene Werk vortragen. Da finden sich mitunter sehr überraschende und oft auch Widerspruch herausfordernde Ansätze. In dieser Subjektivität liegt der besondere Reiz.
ZEIT-Bibliothek der 100 Sachbücher.
Hrsg. v. F. J. Raddatz
383 Seiten
Suhrkamp Taschenbuch
Wie bereits erwähnt, folgte auf die 100 Bücher vier Jahre später eine Liste mit 100 Sachbüchern. Zu Grunde lagen die gleiche Intention und ähnliche Spielregeln. Diesmal spannt sich der Bogen von Euklids "Elementen" bis Heisenbergs "Das Teil und das Ganze", von Platons "Staat" bis zu den "Grenzen des Wachstums" vom Club of Rome, von Thomas von Aquins "Summa Theologica" bis zum "Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch. Auch bei diesem zweiten Versuch eines Kanon galt wieder: Protest und Zustimmung hielten sich die Waage. "Zu wenig Linke!", riefen die einen, "Zu konservativ ausgerichtet!", die anderen. Doch damit haben die Herausgeber von Anfang an gerechnet und sie haben es vielleicht sogar ganz bewußt provoziert.
Ich finde, wer diese Liste der 100 Sachbücher und die 100 Bücher der Weltliteratur als Ausgangspunkt eigener Lektüre begreift, ist bestens versorgt. Obwohl schon 20 Jahre alt, wird hier ein sicheres und bequemes Basislager angeboten, von dem aus sich viele umliegende Gipfel erklimmen lassen.