Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2002

Die besondere Empfehlung - Drei große Meisterwerke aus den USA als Taschenbuch

September 2002

Sie werden oft flapsig die drei großen Paranoiker der US-amerikanischen Literatur genannt, William Gaddis, Thomas Pynchon und Don DeLillo. Als besondere Taschenbuchempfehlung hier also drei Meisterwerke des 20. Jahrhunderts von drei wortgewaltigen Schriftstellern, die gerne in einem Atemzug genannt werden.

William Gaddis - Die Fälschung der Welt

Es ist eine Ironie der Geschichte, daß Gaddis' großartiges Romandebüt aus dem Jahr 1955 in deutscher Sprache erst ganz zuletzt erschienen ist, kurz vor dem Tod des Schriftstellers im Dezember 1998. Doch besser spät, als gar nicht.

GaddisWilliam Gaddis,
Die Fälschung der Welt

1240 Seiten
Goldmann TB

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"Die Fälschung der Welt" ist ein 1200 Seiten starker Welterklärungs- und Weltdeutungsversuch. Ein satirischer Künstleroman, in dem Gaddis mit viel Erfindungsgeist, stofflichem Reichtum und mit bis in die letzten Winkel ausgeleuchteten Nebenhandlungen den Makrokosmos spiegelt. Ein Entwicklungsroman mit allerhöchstem Anspruch in geradezu urdeutscher Tradition. Vielleicht war das mit einer der Gründe, daß Gaddis in den USA zwar von der Kritik in höchsten Tönen gelobt, aber von den Lesern nicht mit großen Verkaufszahlen belohnt wurde. Heute, fast ein halbes Jahrhundert danach, gilt "Die Fälschung der Welt" als eines der wirklich großen Meisterwerke der Weltliteratur und als ein Schlüsselroman der Moderne.

Dieser Roman ist so prall gefüllt, so verästelt und so überbordend, daß jeder Versuch einer Inhaltsangabe zum Scheitern verurteilt ist. An dieser Stelle nur so viel: im Zentrum der Geschichte steht der Kunstfälscher Wyatt Gwyon, der sich, unfähig zu eigenem Schaffen, im Auftrag eines weltweit agierenden Fälscherringes auf das Kopieren flämischer und altdeutscher Meister spezialisiert hat. Nur muß er feststellen, daß diese Originale oft selbst schon Fälschungen sind. Das Spiel mit Original und Kopie wird von Gaddis perfektioniert, erweitert um den Kampf von Gut und Böse und dem Konflikt zwischen Kreativität und Ideenlosigkeit. Letztlich geht es dem Autor um die Fälschung der gesamten Welt, an der alle beteiligt sind: Schriftsteller, Werbetexter, Geistliche, Forscher, Experten, Künstler und Politiker.

"Die Fälschung der Welt" ist eine bissige Satire auf die Welt. Der imposante Epochenroman, der kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges einsetzt und im Jahr 1950 endet, ist eine brilliante Analyse und ihre eigene Parodie. Durch die wirklich präzise und einfühlsame Übersetzung von Marcus Ingenday (ausgezeichnet mit mehreren bedeutenden Preisen) kann das lange in Vergessenheit geratene Meisterwerk von William Gaddis nun auch in Deutschland endlich wieder richtig gewürdigt werden.

Thomas Pynchon - Mason & Dixon

Thomas Pynchon, der große Geheimnisvolle. Seit Jahrzehnten gibt es von ihm keine anderen Lebenszeichen, als einen Roman alle paar Jahre. Bevor Pynchon Schriftsteller wurde und mit so gewaltigen Romanwerken wie "V" und "Die Enden der Parabel" im wahrsten Sinne des Wortes berühmt-berüchtigt wurde, war er Marinesoldat und später Ingenieur bei Boing. Das ist dann auch schon fast alles, was wir wissen über ihn und auch das letzte wirklich verbürgte Foto von Pynchon stammt aus dieser Zeit. "Mason & Dixon" aus dem Jahr 1999 ist so gesehen das Letzte, was wir vom "Mysterium" Pynchon gehört haben.

PynchonThomas Pynchon,
Mason & Dixon

1022 Seiten
rororo TB

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Wie kaum anders zu erwarten überrascht Pynchon mit der Geschichte von "Mason & Dixon" seine Fans wieder mit einem gewaltigen und komplexen Roman. Berichtet wird, wie in den Jahren 1763 bis 1768 zwei Briten, der Astronom Charles Mason und der Landvermesser Jeremiah Dixon, eine schnurgerade Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland ziehen, die sogenannte Mason-Dixon-Linie. Diese Linie wurde später zur politischen und weltanschaulichen Grenze zwischen den Nord- und Südstaaten.

Dieser Roman ist eine Parabel auf den Streit der ordnungssuchenden Wissenschaft mit der mäandernden Kraft der Natur. Wilde Flüsse, zerklüftete Bergketten und die Weite der Prärie werden mit der Geometrie bezwungen. Ein geradliniges und rationales System prallt mit voller Kraft auf die Magie des Chaos. Um die Geschichte von der im 18. Jahrhundert wie mit dem Lineal gezogenen Grenze zu erzählen, schlägt Pynchon sprachlich und erzähltechnisch die wildesten Schnörkel. Er schreibt einen postmodernen Roman des 20. Jahrhunderts, indem er den literarischen Stil des 18. Jahrhunderts mit magischer Feder neu erfindet. Fiktives Personal mischt sich mit historischen Figuren, geschichtliche Ereignisse werden in einem intellektuellen Kraftakt mit Anekdoten und Erfundenem zu einem immensen Epos verrührt.

Leichte Lesekost ist das wahrlich nicht, doch die darf bei Pynchon auch niemand erwarten. Wer sich einläßt auf die Expedition von "Mason & Dixon", taucht ein in eine wunderbare und witzige Geschichte von zwei ganz gegensätzlichen Menschen in einer Zeit großer gesellschaftlicher und mentaler Veränderungen. (Und auch hier gilt wie bei Gaddis: ein großes Lob für die brilliante Übersetzung von Nikolaus Stingl.)

Don DeLillo - Unterwelt

Das Buch beginnt mit einem literarischen Paukenschlag. Im vollbesetzten Giants Stadium (auf der Tribüne sitzen u.a. Edgar Hoover, Frank Sinatra und Jackie Gleason) schlägt Bobby Thomson 1951 im Endspiel der Baseballiga einen Homerun. Der "Schuß, der in der ganzen Welt wahrgenommen wurde" - schreibt die Zeitung am nächsten Tag. Und gleichzeit erfährt die Menge von einem Atombombentest der UdSSR (auch das macht natürlich Schlagzeilen). Die Koordinaten des Kalten Krieges sind definiert.

deLilloDon DeLillo,
Unterwelt

965 Seiten
Goldmann TB

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DeLillo beschreibt das im "Stil der Super-Allwissenheit" - der historische Moment, seine Nachwirkungen und seine Ursachen werden sprachlich zersplittert, so daß der Leser mit dem Ball durchs Stadion fliegt, von Radiowellen getragen wird und mit der Menge hin- und herwogt. Alles ist fokussiert auf den Baseball, der im übertragenen Sinne die Ereignisse der nächsten Jahrzehnte in Gang setzt und im Verlauf der Romanhandlung mehrmals den Besitzer wechselt. Zeitlich geht es von den 50er Jahren in die Gegenwart und wieder zurück. Räumlich geht es von New York durch die Weiten Amerikas in die Wüste von Arizona und wieder zurück nach New York. Hauptpersonen sind Nick Shay, letzter Besitzer des legendären Balles und Manager einer Müllentsorgungsfirma, sowie Klara Sax, Ex-Hippie, Konzeptkünstlerin und ehemalige Lebensgefährtin von Nick. Ihre Lebenswege und Erinnerungen kreuzen sich immer wieder mit denen einer Vielzahl unvergeßlicher Figuren, fiktive und historische. Es entsteht ein filigranes Netz von miteinander verwobenen Erfahrungen, das - von DeLillo wunderbar konstruiert - den Zeitgeist einiger unschöner Jahrzehnte amerikanischer Geschichte einfängt.

"Unterwelt" ist ein sinnliches Buch, denn DeLillo schafft es mit seiner Sprache Gerüche und Geschmäcke zu evozieren. Feucht und muffig ist es in der Unterwelt der amerikanischen Kultur, schwitzend und dunstig. Was am Ende bleibt ist stinkender Müll, der auf mehreren Deponien New York umzingelt und in Alpträumen die Stadt unter sich zu begraben droht. Die "Unterwelt", die DeLillo kraftvoll und farbig beschreibt, ist eine schreckliche und bedrohliche Welt, es ist die Welt, in der wir leben.