Januar 2002
Womit nur anfangen bei diesem Buch? Zunächst einmal, es ist sehr umfangreich, 1200 Seiten, komplex ist es und vielschichtig, aber auch komisch und skurril und es ist ganz anders als alles, was Stephenson bislang geschrieben hat. Mit "Snow Crash" hat er sich 1992 ganz nach oben in die Riege der SF-Bestseller katapultiert. Cyberpunk war das, schrill, schräg und unkonventionell. Mit "Cryptonomicon" versucht er sich nun an einer Art Bestandsaufnahme des digitalen Zeitalters und an einer fiktionalen Aufbereitung der Geschichte der Kryptologie. "Cryptonomicon" ist ein digitaler Kolportageroman.
Neal Stephenson,
Cryptonomicon
1180 Seiten
Goldmann - Manhattan
Alles beginnt im Zweiten Weltkrieg. Die Alliierten haben die Enigma geknackt und sind so bestens über alles informiert, was die Deutsche Wehrmacht treibt. Nun dürfen die Deutschen das aber nicht merken und deshalb wird das Detachment 2702 ins Leben gerufen, eine Spezialeinheit, deren einzige Aufgabe es ist, zu täuschen und zu verwirren. Alle Fäden laufen dabei im englischen Bletchley Park zusammen, dem Chiffrier- und Dechiffrierzentrum unter der Leitung von Alan Turing. Dort ist auch Lawrence Pritchard Waterhouse beschäftigt, ein blitzgescheiter Kryptologe und mathematisches Genie. Bobby Shaftoe dagegen ist ein wahres Frontschwein von einem US-Marine. Auch er ist eingebunden in die Täuschungsmanöver, weiß davon aber nichts. So stolpert er mit seinen Männern von einem merkwürdig sinnlosem Auftrag zum nächsten. Noch vor dem Angriff auf Pearl Harbour hat er sich dabei mit dem japanischen Soldaten Goto Dengo angefreundet.
Goto, von Beruf Bergbauingenieur, wiederum bekommt später den Auftrag, eine riesige Ladung Nazi-Gold in einem unterirdischen Felsensystem auf den Philippinen zu vergraben. Schon verwirrt, lieber Leser!? - Doch es kommt noch besser! Denn in das wirre, gefährliche und tödliche Spiel von Spionage, Gegenspionage und Gegengegenspionage sind auch noch der deutsche Kryptologe Hacklheber, ehemaliger Studienfreund von Waterhouse, und der merkwürdige U-Bootkapitän Bischoff verwickelt. Und es existiert noch der geheimnisvolle Arethusa-Code. Den haben die Engländer, anders als Enigma, noch nicht geknackt. Das ärgert sie, weil mit Arethusa augenscheinlich ganz besondere Nachrichten ausgetauscht werden.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später verfolgt eine Gruppe amerikanischer Unternehmer ehrgeizige Pläne. Auf einer kleinen philippinischen Insel soll eine tief in den Fels gegrabene Datenkrypta entstehen, ein sicherer Datenhafen für sensible Internetdaten und Internetgeldgeschäfte. Zu dieser Gruppe gehören Randy Waterhouse, ein begnadeter Hacker und Unix-Spezialist, der als Enkel von Lawrence dessen mathematisch-kryptologisches Genie geerbt hat, und Avi, ein gewiefter, eiskalter Stratege, wenn es um Big Business im Datenraum geht. Natürlich gibt es im Zeitalter der Bits and Bytes nichts wichtigeres als sichere Verschlüsselungen. Standen sich einst verfeindete Staaten in einem Krieg gegenüber, so sind es heute anonyme, multinationale Konzerne im Kampf um das große Geld.
Die hier nur grob und holzschnittartig skizzierte Auswahl von Handlungssträngen läßt Stephenson sich parallel entwickeln. Von Kapitel zu Kapitel entwickelt sich ein immer komplexeres Gefüge aus Anspielungen und Informationshäppchen, das bis zum Schluß des Romans konsequent weiter ausgebaut wird. Es ist ein bunt gemischtes Völkchen, das sich in "Cryptonomicon" versammelt, ein wilder Haufen schräger Individualisten mit unzähligen Macken, der von einer skurrilen Situation in die nächste stolpert. Komisch und wortgewaltig beschreibt Stephenson die Anfänge von Globalisierung, Digitalisierung und Kryptologie, entwirft das Bild einer Ökonomie, die sich mehr und mehr ihrer materiellen Grundlagen entledigt.
Unwillkürlich drängt sich bei der fortschreitenden Lektüre der Vergleich zu Thomas Pynchons Roman "Die Enden der Parabel" auf. Beide Romane spielen im Zweiten Weltkrieg und hier wie da geht es um ein undurchdringbares Geflecht von Ereignissen und historischen Implikationen, die die Welt nachhaltig verändert haben. Selbst in Sprachstil und Plotaufbau kopiert Stephenson das große Vorbild. Leider verliert er am Ende diesen direkten Vergleich. Denn, sind erst einmal alle Handlungstränge entwirrt und miteinander richtig verbunden, ist es aus mit der großen Komplexität und Ambivalenz. Pynchons Helden waren wirklich Spielbälle undurchschaubarer Mächte, Stephenson präsentiert dagegen zu oft typisch-amerikanische Kämpfertypen, deren Perspektive dem Leser bis zuletzt als zuverlässige Identifikationspunkte dienen soll. Doch halt, das ist jetzt wirklich beckmesserisch und eigentlich unfair.
"Cryptonomicon" von Neal Stephenson bleibt trotz manch berechtigter Kritik ein großartiges Buch, das für viele vergnügliche Lesestunden sorgt, nicht zuletzt durch seinen Umfang. Stephensons Roman wird bevölkert von risikofreudigen Entrepeneuren, finsteren Mächten im Hintergrund, verwegenen Haudegen und weltfremden Mathematik-Genies, allesamt gefangen in einem gordischen Knoten aus Handlungssträngen. Ein Buch nicht nur für Unix-Nerds, Computerfreaks und Netzwerkfanatiker. Stephenson schafft es nämlich, auch dem Laien beiläufig alles zu erklären, was er über Krytologie wissen sollte. "Cryptonomicon" ist - auch wenn es wie beschrieben den (selbstgewählten?) Vergleich mit den ganz großen Vorbildern nicht standhalten kann - trotzdem sowohl lehrreich als auch unterhaltsam - was will man eigentlich mehr!?