Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2002

Ein Amerikaner in Berlin - David Large hat die Biographie der deutschen Hauptstadt geschrieben

Juni 2002

David Clay Large ist Professor für Geschichte an der Montana State University und er ist - wie viele Amerikaner - ein überzeugter Berlin-Fan. Profession und Passion hat der Fachmann für deutsche Kultur- und Politikgeschichte des 19. und 20. Jahrhundert nun gebündelt. Das Ergebnis: "Berlin. Die Biographie einer Stadt". Kein Standardwerk für Geschichtsfundamentalisten, sondern ein hilfreiches Handbuch für Berliner, für solche, die es werden wollen und für die, die das auf keinen Fall möchten.

LargeDavid Clay Large,
Berlin - Biographie einer Stadt

656 Seiten
C.H.Beck

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Als historischen Rahmen für seine Geschichte hat Large die beiden Vereinigungen Deutschlands gewählt: 1871 und 1990. In diesen 119 Jahren hat Berlin wie kaum eine andere deutsche oder europäische Stadt eine dramatische Entwicklung durchgemacht, reich an Höhen und Tiefen. Von einem preußischen Provinznest entwickelte sich die Stadt zum Symbol der Modernität, zum kulturellen Mekka und zur Industriemetropole, wurde in der NS-Zeit zum Schauplatz von Terror und Machtmißbrauch, lag 1945 in Trümmern und entwickelte sich anschließend zur Frontstadt des Kalten Krieges.

Seit 1990 ist Berlin wieder Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, der wiedervereinigten Bundesrepublik diesmal. Gerade das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war in Berlin geprägt durch vielerlei Hoffnungen und Ängste. Wohin steuert die Stadt, wohin unsere Republik? Hat Berlin das Zeug, wieder zur Metropole zu werden, zur Metropole des 21. Jahrhunderts vielleicht? David Large sagt: "Ja! die Stadt hat dazu das nötige Potential." Um diese Fazit ziehen zu können, hat Large die Geschichte der Stadt kenntnisreich aufgefächert, indem er profundes Wissen mit scharfsinnigem und pointiertem Stil verbindet.

Im Mittelpunkt steht vor allem Berlins Selbstverständnis als Hauptstadt der Deutschen. Dabei waren 1871 und 1990 die Ausgangslagen ähnlich. Berlin als lautes, dynamisches und von Gegensätzen geprägtes Ballungszentrum, so wurde beidesmal von Kritikern befürchtet, sei nicht fähig Hauptstadt zu werden; und doch wurde beidesmal mit überwältigender Mehrheit für Berlin gestimmt. Und sowohl 1871, als auch 1990 war diese Entscheidung Anlaß für einen wahren Boom von Hoffnungen und Plänen. Höhenflüge und Abstürze - nichts liebt der Berliner mehr.

Large entlarvt Berlin als ein "selbstverliebtes Monster", das immer den Vergleich mit London oder Paris suchte, aber niemals wirklich mit diesen anderen Hauptstädten mithalten konnte, denn viel zu selten, sagt Large, hat sich der Berliner wirklich auf seine eigenen Fähigkeiten und auf sein eigenes Naturell verlassen. Den selbstbewußten Anspruch eine "Metropole" zu sein, den hat Berlin freilich niemals aufgegeben, obwohl die Stadt kontinuierlich auf der Suche nach sich selbst ist, ohne sich dabei jemals wirklich selbst zu finden.

Bei seinen Besuchen in der Stadt hat sich Large die Berlin im wahrsten Sinne des Wortes erlaufen. Diese Streifzüge des Autors haben dem Buch sehr gut getan. Große Politik und Alltagsleben stehen gleichberechtigt nebeneinander und Large mischt Lokalkolorit mit geschichtlichen Fakten, durchwebt seine Analyse mit Anekdoten und Zitaten. "Berlin. Biographie einer Stadt" ist ein sehr lebendiges Geschichtsbuch, denn der Blick des Autors ist gleichzeitig distanziert und verliebt. Vielleicht ist Large hier und da etwas zu euphorisch, vielleicht übernimmt er verschiedene Urteile seiner Gewährsleute zu vorschnell (vor allem im Teil über die zweite Nachkriegszeit), vielleicht ist er an einigen Stellen auch einfach zu pathetisch, dem Buch tut das keinen Abbruch. Larges Berlin-Biographie ist trotzdem unterhaltsam, lehrreich und (das ist das wichtigste) höchst amüsant.