November 2002
William Kowalski: achtundzwanzig Jahre jung - Bestsellerautor. Geboren in Erie/Pennsylvania, am großen gleichnamigen See - verglichen mit einem der großen amerikanischen Geschichtenerzähler: John Irving.
William Kowalski: Eddies Bastard
Taschenbuch: 479 Seiten
Bastei Lübbe Verlag
Vielleicht ist es die Weite des Erie-Sees, die Schriftsteller wie Kowalski dazu befähigen Familiengeschichten zu entwickeln, die mit lässiger Fabulierfreude und Gelassenheit den Leser durch die größten Katastrophen seiner Charaktere führen. Ohne den schalen Geschmack von Betroffenheit beim Lesenden zu hinterlassen, torkeln seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes durch ihre eigene Geschichte und man hat einfach nur das Gefühl: das Leben ist halt so!
So ist der Leser nicht weiter verwundert, dass der Großvater Thomas Mann (Zufall? - wohl kaum!; Verspieltheit des Autoren? - vielleicht?!) eines Tages ein Findelkind in einem Körbchen auf der Schwelle seines mittlerweile heruntergekommenen Familienbesitzes in Mannville findet.
Auch wenn er dieses Baby instinktiv als seinen Enkel Billy erkennt und beschließt ihn großzuziehen, ist es für ihn noch lange kein Grund mit dem Whiskeytrinken aufzuhören und ein Leben in großväterlicher Verantwortung zu führen. Man arrangiert sich, er und der uneheliche Sohn seines Sohnes leben in Respekt füreinander und Freiheit voneinander ihr eigenes Leben.
Billy lernt dabei die Geschichte der Familie Mann kennen, beginnend mit dem wirtschaftlichen und sozialem Aufstieg seines Urahnen und Namensgebers William Amos Mann im 19. Jahrhundert, fortgeführt mit dem Tod seines Vaters Eddie, natürlich ein hochangesehener Kriegsheld mit ziemlich skurrilen Kriegserlebnissen und endend in dem finanziellen Desaster seines Großvaters, der nach den zweiten Weltkrieg die etwas exzentrische Idee einer Straußenfarm in die Tat um- und das Familienvermögen so in den Sand setzte.
Auch seine persönliche Entwicklung weist die "mannschen" Züge des Besonderen auf: Die Fährten seiner eigenen Entstehung aufnehmend, sucht und findet er nicht nur seine Mutter oder dass, was von ihr übrig geblieben ist, sondern auch jede Menge bemerkenswerter Menschen. So der wahrlich großherzige Dr. Connor, der letzte verbliebene Freund seines Großvaters und Billys Schlüssel zur eigenen Vergangenheit und Zukunft. Oder die teutonisch-laute und lebendige Großfamilien der Shumacher, immer eine verläßliche Fluchtburg während der whiskeyseeligen Zeiten seines Großvaters. Es fehlt natürlich auch nicht die ihn entjungfernde üppige mütterliche Freundin Elsi, doch da Kowalski nicht umsonst mit den Großen seiner Zunft verglichen wird, hat diese Elsi beim Sex ihren ganz eigenen bestimmenden Kopf. Wie es sich für diese Familie gehört, lernt Billy die dunklen Seiten des Lebens sehr genau kennen und diese kommen ausgerechnet mit der großen Liebe seines jungen Lebens, Annie Simpson daher. Das sie umgebende Geheimnis reißt ihn hinein in einen Strudel aus Angst, Hass, Feigheit und Mut und droht ihn fast zu zerreissen - fast.
Nun ist es ein beliebtes Spiel der Kritiker junge Autoren, ganz besonders junge Bestseller-Autoren in würdige Schubladen zu packen und abgesehen davon ist Irving eine sehr würdige Schublade. Doch diesmal wird es mit dem gequälten Aufstöhnen des Lesers schwierig, Kowalski beherrscht die Zeichnung der Charaktere à la Irving. Er beherrscht das Fabulieren mit leichter Hand und ihm fehlt auch nicht das notwendige Quentchen an Lakonie um ein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen spannend zu erzählen.
Als Leser von "Eddies Bastard" befindet man sich immer wieder in dem unterhaltsamen Zustand, ins Buch schlüpfen zu wollen und die einzelnen Charaktere "knuddeln" zu müßen, um urplötzlich in den häßlichen Abgrund der Realität zu blicken und um schließlich erleichtert sagen zu können: zum Glück alles nur Fiktion - diese aber vom Feinsten!