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"In den Ruinen von Berlin" - Joseph Kanon schildert die Widersprüche und Abgründe der Stunde Null

Mai 2002

Autoren von Romanen dieser Art tappen oft in eine gefährliche Falle, wenn sie versuchen in den gewaltigen Rahmen eines historischen Ereignisses wie den Holocaust oder den Zweiten Weltkrieg eine spannende aber frei erfundene Handlung zu montieren. Denn das Ergebnis ist nur zu oft die Trivialisierung von geschichtlichen Katastrophen zu Gunsten einer fiktionalen Geschichte, so schön die auch gesponnen sein mag. Joseph Kanon aber, um das gleich vorwegzunehmen, umgeht diese Falle meisterlich. "In den Ruinen von Berlin" ist ein brillianter, ein extrem sorgfältig recherchierter und vor allem ein packender Roman, der Fakten und Fiktion im richtigen Verhältnis mischt.

KanonJoseph Kanon,
In den Ruinen von Berlin

608 Seiten
Blessing Verlag

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Das ist die Story: der amerikanische Journalist und Kriegsberichterstatter Jake Geismar kommt nach Berlin, um über die Potsdamer Konferenz zu berichten. Dabei wird er am Rande eines Fototermins mit den großen Drei (Churchill, Roosevelt und Stalin) im Schloss Cecilienhof Zeuge eines Mordes. Ein toter GI wird aus dem Jungfernsee gezogen, die Taschen voller Geld - russische Besatzungsmark, wie sich bald herausstellt. Ein tödliches Schwarzmarktgeschäft, vermutet Jake zunächst, denn beim illegalen Handel mischen auch die Soldaten der Besatzungsmächte im großen Umfang mit, obwohl es ihnen untersagt ist.

Jake beginnt zu recherchieren und stößt auf Mauern des Schweigens. Sowohl die amerikanischen als auch die russischen Behörden versuchen mit allen Mitteln, die Umstände des Mordes zu verschleiern. Doch Jake bleibt hartnäckig und merkt bald, es steckt viel mehr dahinter - es geht um den Beginn des kalten Krieges. Russen und Amerikaner jagen sich gegenseitig deutsche Raketeningenieure und Wissenschaftler ab. Männer wie Wernher von Braun sind gefragt in der Rüstungsindustrie, trotz ihrer SS-Vergangenheit.

Nebenbei hat Jake Geismar noch ein ganz privates Motiv für seine Rückkehr in das verwüstete Berlin der Nachkriegszeit. Er war früher schon einmal in der Stadt; nun ist er ist auf der Suche nach Lena, seiner deutschen Geliebten, die er bei Kriegsausbruch zurücklassen musste. Er findet sie schwer krank in einer halbwegs intakt gebliebenen Wohnung und ihre Romanze lebt wieder auf.

Je länger sich Jake mit dem Kriminalfall beschäftigt, desto klarer wird ihm, daß auch Lena darin verwickelt ist. Es geht nämlich um ihren Mann Emil Brandt - auch er ist einer der Wissenschaftler, die an den geheimen Raketenprojekten der Nazis beteiligt waren und um die sich jetzt Russen und Amerikaner streiten. Emil war unter anderem verantwortlich für das Projekt "Mittelbau Dora", einer unterirdischen Raketenfabrik, in der 20.000 KZ-Häftlinge Zwangsarbeit verrichten mussten und jämmerlich krepierten. Als Emil schließlich selbst in Berlin auftaucht, geraten Jake und Lena zwischen die Fronten und in Lebensgefahr ...

"The Good German" - so lautet der Originaltitel von Kanons Roman. "Ich will provozieren mit diesem Titel", sagt Kanon, "denn die traurige Wahrheit ist, daß wir vielen Nazis direkt wieder zu Macht und Ansehen verholfen haben. Manchmal aus Versehen, manchmal mit der Entschuldigung, daß sie die Einzigen wären, die das Land wieder in Gang bringen konnten, und manchmal nur, weil sie Antikommunisten waren - was für viele Amerikaner sehr schnell das Allerwichtigste wurde." Die Frage nach Gut und Böse, nach Schuld und Unschuld zieht sich wie ein Generalbass durch den Roman. In den Trümmern der einstigen Reichshauptstadt werden alle Überlebenden des Holocaust und des Krieges mit dieser Frage konfrontiert, Tag für Tag. Kanon zeichnet dabei seine Charaktere sehr einfühlsam, mit feinen Strichen und Schattierungen, holzschnittartige Überzeichnungen liegen ihm nicht. Das gilt auch für die Besatzungsmächte; Kanon verschweigt nicht die Gier einzelner Soldaten nach schnellem Geld, den Handel mit Persilscheinen und "sauberen" Dokumenten oder die sich schnell ausbreitende Korruption in der Militärregierung.

"In den Ruinen von Berlin" ist Politthriller, Historienroman, Berlinbuch und Liebesgeschichte in einem. Kanon hat lange und sorgfältig recherchiert, Genauigkeit bis ins letzte Detail ist das Ergebnis. Faszinierend sind die Beschreibungen der zerstörten Stadt und der Versuche Jakes, sich in dieser Trümmerlandschaft zu orientieren. Kanon war nicht dabei, doch als Leser seines Romans, zumal als Berliner, hat man stets das sichere Gefühl, alles ist authentisch. So könnte es wirklich gewesen sein, damals in der Stunde Null.