Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2002

Gestohlene Welten - Miles Harvey schreibt eine Kriminalgeschichte der Kartographie

März 2002

Im Jahre 1592 machten sich zwei Kaufleute aus Amsterdam auf den Weg nach Portugal. Sie hatten den Auftrag, neue und und äußerst detaillierte Seekarten zu stehlen, auf denen der Seeweg nach Indien verzeichnet war. Für dieses Unterfangen wurden ihnen satte Erfolgsprämien in Aussicht gestellt. Doch der Kartenraub schlug fehl und die beiden Brüder wurden eingekerkert.

HarveyMiles Harvey: Gestohlene Welten.
Eine Kriminalgeschichte der Kartographie

352 Seiten mit 20 s/w Abbildungen
Karl Blessing Verlag

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Gut vierhundert Jahre später: ein unscheinbarer Mann wird erwischt, wie er in einer amerikanischen Bibliothek historische Karten aus einem alten Buch heraustrennt. Auf der anschließenden Flucht wird er überwältigt und festgenommen. Es ist Gilbert J. Bland, ein Sammler und Händler alter Karten und Atlanten. Er trägt ein kleines Notizbuch bei sich. In ihm hat er über Jahre hinweg akribisch ähnliche Taten aufgelistet. Insgesamt 250 der schönsten Exemplare alter Stiche und Karten hat er - zur großen Überraschung der Bibliothekare - völlig unbehelligt gestohlen - Wert mindestens 600.000 Dollar.

Der amerikanische Journalist Miles Harvey erfährt von Bland und beschließt, die Beweggründe dieses Kartendiebes zu erforschen. Die Justiz nennt Bland schnell den "Al Capone der Kartographie", doch Harvey bemerkt ebenso schnell, dem Einzelgänger Bland wurde das Handwerk sehr leicht gemacht. Bibliotheken sind kaum gesichert und das wenige Personal ist völlig überlastet. Und Gilbert Bland ist kein Einzelfall: seit es Bemühungen gibt, Landkarten zu zeichnen, gibt es auch Kriminelle, die sich dieser Landkarten bemächtigen wollen. Die gesamte Geschichte der Kartographie wird durchzogen von einer Spur der Kriminalität; diesen Spuren geht Harvey in "Gestohlene Welten" nach. Heraus kam eine Kriminalgeschichte der Kartographie.

Immer wieder kehrt Harvey bei seinen Exkursionen zu dem befremdlichen Gilbert Bland zurück. Er hat mit ihm telefoniert, hat ihn bei einem Prozess beobachtet, hat sein wenig erfreuliches Leben dokumentiert; doch gesprochen hat er nicht mit ihm. Bland hat sich jeden näheren Kontakt verbeten. So war Harvey stets auf indirekte Informationen Dritter angewiesen. Diese Informationen hat er in der Welt der fanatischen Sammler, Händler und Diebe zusammengetragen und bei einer Fangemeinde, die sich oft weniger am Wert einer alten Karte orientiert, sondern mehr an ihrer Schönheit.

"Gestohlene Welten" ist kein Buch mit wissenschaftlicher Tiefe. Harvey beschreibt vielmehr aus seiner ganz persönlichen Entdeckerperspektive die Schönheit alter Karten und die Geschichte der Entdeckungen, die hinter ihnen stecken. Gleichzeitig schildert er eindringlich die Verlockungen, die die Kunst der Kartographie über Jahrhunderte hinweg auch auf zwielichtige Personen und waschechte Kriminelle ausgeübt hat.