April 2002
Mal Hand aufs Herz. Wenn die Sprache auf die Schulzeit kommt, dann stöhnen die meisten Menschen kollektiv auf und sagen: Ja, Mathe, das war das schlimmste? Und wenn dann jemand wagt, leise zu widersprechen mit den Worten, "ich fand Mathe eigentlich nicht so schlimm", dann erntet der ungläubige Blicke. Woran liegt das? Warum können bestimmte Menschen Mathematik und andere gar nicht?
Keith Devlin,
Das Mathe Gen
380 Seiten
Klett-Cotta Verlag
Gibt es etwa ein Mathe-Gen, eine Anlage zum glücklichen Umgang mit Zahlen und Formeln? Auch wenn der Titel des Buches diese Vermutung zunächst zu bestätigen scheint, der Autor, Keith Devlin, sagt nein. Was es aber gibt, so fährt er gleich zu Beginn des Buches fort, ist eine angeborene Fähigkeit zum mathematischen Denken und diese Fähigkeit besitzen selbst die größten Mathe-Phobiker.
Selbst, wer mit Zahlen seine Schwierigkeiten hat, also beim Multiplizieren und Subtrahieren immer einen Taschenrechner zur Hilfe nehmen muß, hat gute Chancen, trotzdem ein As in Mathematik zu werden. Denn Mathematik ist die Wissenschaft von Mustern. Alle Probleme, für die man die Hilfe von Rechnern benötigt, sind im strengen Sinne keine mathematischen Probleme. Wenn es aber bei Mathematik nur um Muster und ihre geschickten Kombinationen geht, dann hat jeder Mensch, der Denken kann, auch die nötigen Fähigkeiten als Mathematiker zu bestehen.
Devlin beschreibt sehr eindringlich, wie der "Homo Sapiens" im Laufe der Jahrtausende gelernt hat, das Denken in Mustern wahrhat zu perfektionieren. Die wichtigste Nutzanwendung ist dabei die Sprache. Menschen sind in der Lage mit Hilfe der Sprache abstrakt zu denken, daß heißt über Vorgänge und Dinge nachzudenken, ohne sie vor Augen zu haben. Affen können das nicht. Sie lernen zwar Stöcke und andere Werkzeuge zu nutzen, aber eben nur, wenn sie sie sehen und in Greifweite haben, zur Abstraktion sind sie nicht fähig.
Nun ist Mathematik nichts anderes als eine besondere Form der Sprache, mit eigenen Vokabeln und eigener Grammatik. Sprache und Mathematik lernen Kinder nicht nur von Eltern oder in der Schule, sondern ganz natürlich wie das Gehen, Schwimmen oder Fahradfahren. Für Menschen ist es also ebenso normal, Mathematik zu treiben, wie für Elefanten, einen Rüssel zu benutzen, oder für Vögel zu fliegen. Nur, daß im Verlauf des normalen, westeuropäischen Sozialisationsprozesses die Mathematik meist erst später "erlent" wird als das Sprechen. Und leider nutzen nicht alle Menschen die natürliche Anlage für Mathematik im gleichen Maße; was für Devlin in erster Linie die Schuld von ganz unterschiedlichen, oben zum Teil schon beschriebenen, Verleidungsstrategien ist.
Devlin, selbst promovierter Mathematiker und renommierter Wissenschaftsjournalist, schreibt in diesem Buch über Mathematik, ohne 99,9% der Menschheit zu quälen. "Das Mathe-Gen" ist kurzweilig, informativ, spannend und mitunter sogar sehr witzig. Zum Beispiel dann, wenn Devlin am Ende Euklid einspannt, um eine seiner Lieblingsideen zu skizzieren. Eine Seifenoper über die Mathematik, konzipiert von Euklid mit Hilfe von Leitsätzen (Axiomen) wie "Ein Punkt hat keine Ausdehnung".
Auch wenn man nicht mit allen Thesen Devlins übereinstimmen mag, sein Buch ist in jedem Fall eine feurige und lesenswerte Liebeserklärung an die von vielen Menschen so verhaßte Mathematik.