Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2002

Ned Kelly und seine Gang - Peter Carey erfindet die Autobiographie eines australischen Nationalheldens

September 2002

Sein Ende ist legendär. Mit einer aus Ofenplatten zusammengebastelten Rüstung stapft Ned Kelly ins letzte Gefecht. Die Polizisten feuern aus allen Rohren auf ihn und alle Kugeln prallen ab. Doch Ned Kelly ist nicht unverwundbar, mit mehreren Schüssen in die ungepanzerten Beine strecken ihn die Constables schließlich nieder. Ned Kelly wird der Prozess gemacht und am 11. November 1880 wird er gehängt. 26 Jahre alt ist er geworden.

CareyPeter Carey,
Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang

448 Seiten
S. Fischer Verlag

Jetzt bestellen!


Die Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang kennt in Australien jedes Kind und doch hat sich der australische Schriftsteller Peter Carey entschlossen, diese Geschichte noch einmal neu zu erzählen. Carey, 1943 in Australien geboren und einer der bekanntesten Autoren seines Landes, ist der festen Überzeugung, daß es immer noch viel neues zu entdecken gibt im Leben des bekannten Outlaws.

Peter Carey konzentriert sich vor allem auf die Kinder- und Jugendjahre des Ned Kelly. Besonders wichtig dabei: das Verhältnis des späteren Outlaws zu seiner Mutter. Der Vater, ein irischer Ex-Sträfling, stirbt früh und deshalb muss der kleine Ned die Rolle des Mannes im Haus übernehmen. Es ist eine armselige windschiefe Hütte, in der er, seine Geschwister und seine Mutter ihr Dasein fristen. Alkohol fließt in Strömen, zwielichtige Liebhaber geben sich die Klinke in die Hand und nur ein Viehdiebstahl hier und da sichert das Lebenseinkommen der Kellys. "Ein Outlaw, ein Nationalheld hat keine Gefühle für seine Mutter und ist nicht eifersüchtig auf ihre Liebhaber", sagt Carey. "Aber ein kleiner Junge der darf das! Das war für mich ein interessanter Ausgangspunkt für die Geschichte."

Das Leben der Kellys steht stellvertretend für das Leben der Unterschicht im Australien des späten 19. Jahrhunderts. Die reichen Großgrundbesitzer hatten nicht das geringste Interesse, ihr Land mit kleinen Farmern, meist Ex-Sträflinge oder Einwanderer auf der Suche nach etwas Glück, zu teilen. Die Polizei, schlecht ausgebildet und mangelhaft organisiert, stand dabei natürlich immer auf der Seite der Wohlhabenden. Das Schicksal Ned Kellys und sein Weg ins Verbrechen ist symptomatisch für seine Zeit: die Umstände lassen ihm keine andere Wahl. Doch vom Kleinkriminellen aus Überlebensnot entwickelt sich Kelly zum Outlaw aus Überzeugung. Der alltägliche Widerstand gegen die Englische Besatzungsmacht wird zum Freiheitskampf und aus Ned Kelly wird eine Art Robin Hood der australischen Steppe, der mit seiner Gang wilde Banküberfälle organisiert, die jedesmal zu Volksfesten ausarten.

Carey begeht allerdings nicht den Fehler, eine Heldengeschichte zu inszenieren. Der Ned Kelly, der hier häppchenweise seine Lebensgeschichte für seine kleine Tochter auf Papierfetzen niederschreibt, ist sich seiner Schuld in vollem Umfang bewußt. Ned Kellys Geschichte lebt davon, daß sie gleichzeitig Geständnis, Entschuldigung, Anklageschrift und Verteidigungsplädoyer ist. Ein ungebildeter und einfacher Mensch erklärt, was seiner Meinung nach falsch läuft im australischen Südosten.

Careys "Wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang" ist wirklich einzigartig, nicht nur wegen der fein ausbalancierten inhaltlichen Mischung aus praller Wild-West-Abenteuergeschichte und sozialer Milieuschilderung, sondern auch wegen seines eigenwilligen Stils. Ich muss gestehen, mir ist erst nach mehreren Seiten Lektüre aufgefallen, daß es hier ausser einigen Ausrufezeichen und vielen Punkten keine andere Interpunktion gibt. Und doch liest sich das flott und mitreißend. (Wehe, wenn unsere PISA-gebeutelten Jugendlichen mitbekommen, daß es auch ohne Kommata geht!) Auch im Ausdrucksvermögen beschränkt sich Carey auf das, was einem Ned Kelly entsprechen würde. Komplizierte Satzkonstruktionen, lange komplexe Gedankengänge oder Metapherreichtum sucht der Leser vergebens. Und um ehrlich zu sein, er vermißt sie erst gar nicht.

Der wahre Ned Kelly hat seinerzeit ein einziges authentisches Schriftstück hinterlassen, den sogenannten jerilderee Letter, einen Brief, den er zu seiner Verteidigung an einen Abgeordneten des Provinzparlamentes geschickt hat. Den Stil dieses Briefes hat sich Carey zu Eigen gemacht. "Das ist die Kern DNA meines Helden gewesen, aus diesem Kern habe ich Ned Kelly gewissermaßen sprachlich neu erschaffen", erklärt Carey. "Den Jerilderee Letter habe ich als ich selbst gerade anfing zu schreiben zum ersten mal gelesen, direkt nach der Lektüre von Joyce und Beckett übrigens. Nun also diese ganz andere Stimme, ebenfalls irisch und ebenso kunstvoll. Der Jerilderee Letter schreit förmlich danach, als ein Ausdruck künstlerischen Schöpfungswillens, als Kunstwerk im wahrsten Sinne des Wortes interpretiert zu werden." Erst viele Jahre später hat Carey seinen Plan, Ned Kelly und seiner Sprache einen Roman zu widmen, in die Wirklichkeit umzusetzen. Das Ergebnis ist umwerfend.

Nach "Oscar und Lucinda" im Jahr 1988 ist Peter Carey für "Ned Kelly" im Jahr 2001 zum zweiten mal mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet worden. Ausser ihm hat das bislang nur J.M.Cotzee geschafft. "Ned Kelly" hat diese Ehrung und das damit Lob in der internationalen Presse wirklich verdient. Dieser Roman ist mitreißend komisch, zutiefst herzergreifend und spannend bis zum letzten Wort. Unbedingt lesen!