Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2002

Eine Frau in Berlin - Das erschütternde und umstrittene Tagebuch einer anonymen Autorin aus der Zeit zwischen Krieg und Frieden

April 2002

Eine Frau am Ende des Krieges. Sie ist gebildet und künstlerisch interessiert. Sie hat Europa bereist, ist sprachbegabt und verfügt über einen weiten intellektuellen Horizont. Wenn man sie in eine Schublade pressen müßte, wäre es mit Sicherheit die, auf der gutbürgerlich stünde. Diese Frau verschlägt es im letzten Kriegsjahr nach Berlin, wo sie den Untergang des Dritten Reiches schmerzlich miterlebt. Ihre Tagebuchaufzeichnungen, die sie in dieser Zeit machte, können wir lesen, doch den Namen der Frau erfahren wir nicht, denn sie hat nach dem Krieg nur einer anonymen Veröffentlichung zugestimmt. Und obwohl angesichts des Inhaltes der Tagebücher der Name der Verfasserin eigentlich egal sein müßte, scheint das Anonyme doch für ein Problem zu sein (dazu später mehr).

AnonymaAnonyma,
Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufz. vom 20.April bis 22.Juni 1945
300 Seiten
Eichborn Verlag

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Es war Kurt Marek (vielen besser bekannt als C. W. Ceram, der Autor des Bestsellers "Götter, Gräber und Gelehrte"), der 1946 auf der Suche nach vermissten Freunden in Berlin die Autorin kennelernte. Viel später erst, nämlich 1954, bekommt er dann von ihr die Erlaubnis, ihre Aufzeichnungen anonym zu veröffentlichen. Das Buch erscheint zunächst in Amerika und anschließend in weiteren europäischen Ländern. Ein schweizer Verlag besorgt 1959 auch eine deutschsprachige Ausgabe, die allerdings in den Zeiten des Wirtschaftswunders wenig Beachtung findet; zu sehr war das deutsche Kollektivbewußtsein mit dem Vergessen und Verdrängen der Vergangenheit beschäftigt.

Hans Magnus Enzensberger hat nun im Rahmen seiner "Anderen Bibliothek" dieses ungewöhnliche zeithistorische Zeugnis aus den letzten Kriegstagen wieder verfügbar gemacht. Die Aufzeichnungen umfassen die Zeit vom 20 April bis zum 22. Juni 1945, also jene Zeit, in der der Krieg längst verloren war und die Bombardements der Engländer und Amerikaner aus der Luft abgelöst wurden von der Eroberung Berlins am Boden. Straßenzug für Straßenzug arbeiten sich die russischen Truppen vor. Raub, Nötigungen und Vergewaltigungen wurden vor allem für Frauen und Mädchen zum Alltag. Die anonyme Autorin von "Eine Frau in Berlin" schildert all das gewissermaßen aus der Froschperspektive einer Nachbarschaft, die ohne Orientierung und ohne wirklich zuverlässige Informationen den Fall Berlins rund um ihr Haus und ihren Luftschutzkeller erlebt. Das Radio war nutzlos, Zeitungen gab es nicht, Strom, Gas und Wasser waren abgedreht.

Vor allem das nach dem Krieg weithin tabuisierte Thema der sexuellen Gewalt gegen Frauen behandelt die Tagebuchschreiberin mit erschütternder Offenheit. Ihre Berichte sind brutal und schonungslos, aber zugleich auch gespickt mit einer Art trockenem Berliner Humor, so daß man beim Lesen oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Es findet sich keine Spur vom Selbstmitleid, unter dem viele Deutsche nach dem verlorenen Krieg gelitten haben. Unbestechlich und unsentimental schildert Anonyma, wie - ihrer Meinung nach - jetzt auch die Frauen die Strafe für einen im Größenwahn von einem ganzen Volk begonnenen und verlorenen Krieg erleiden.

So einprägsam und aufwühlend die Lektüre dieser Tagebucher auch ist, Anonymität weckt gleichzeitig Mißtrauen. Nach der Neuausgabe des Buches geriet vor allem der Herausgeber Enzensberger in die Schusslinie der Kritik, weil er lediglich einen unkommentierten Nachdruck vorgelegt hat und auf eine kritisch-historische Edition oder zumindest auf eine sich auf heutige Kenntnisse berufende Kommentierung verzichtet hat. Wer nachfragt bekommt zwar vom Verlag bzw. der Rechtinhaberin, der Witwe von Kurt Marek, den Einblick in das von Anonyma selbst angefertigte Schreibmaschinentyposkript gewährt, nicht aber in die handgeschriebenen Originale (eine leinengebundene Kladde und zwei Schulhefte). Viele Fragen bleiben so offen: wie sehr haben Kurt Marek oder vielleicht auch die Autorin der Tagebücher die ursprünglichen Aufzeichnungen vor der ersten Veröffentlichung gestrafft und geglättet? Warum diese Angst vor Entdeckungen, warum diese Scheu, alles offen zu legen? Wie stark wurde bei der Ausgabe von 1954 die Authentizität zugunsten des Willens nach einem politischen Statement geopfert? Warum kann und soll heute, sechzig Jahre nach der Niederschrift, der Name der Autorin immer noch nicht genannt werden? Antworten auf diese Fragen kann nur eine weitere Edition bringen, in der akribisch und lückenlos Auskunft über die Textgeschichte gegeben wird.

Trotz dieser berechtigten Kritik ist es dennoch löblich, daß Hans Magnus Enzensberger uns den Text der Anonyma wieder verfügbar gemacht hat. Denn lesenswert ist "Eine Frau in Berlin" allemal.