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Jung, frech, ironisch - Zadie Smith debütiert mit einem fulminanten Immigrantenepos.

Mai 2006

Junge britische Autoren sind hip. Multi-Kulti ist auch hip. Wenn junge britische Autoren Romane über die britische Multi-Kulti-Gesellschaft schreiben, dann ist das Megahip. Zadie Smith hat das erkannt und mit "Zähne zeigen" vermarktet sie vortrefflich sich und die multikulturelle Mischung Londons. 25 Jahre ist sie alt, Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers, sich selbst bezeichnet sie als "black English" und ihr Debütroman ist ein wahrhaft komischer Parforceritt durch heillos verstrickte Familiengeschichten im Londoner Stadtteil Willesden. Dort lebt auch Zadie Smith.

SmithSmith, Zadie: Zähne zeigen
Übers. v. U.Wasel und K. Timmermann

Geb. 642 Seiten
München: Droemer Knaur 2000

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Sie gilt als shooting Star der Britischen Literaturszene, wird gefeiert und mit Preisen überhäuft. Der enorme Erfolg ihres Erstlings ist der hübschen, eloquenten Frau mit der Modellfigur selbst schon suspekt. Ein Szene-Magazin hat sie gar jüngst zur "Stil-Ikone" gekürt. Sie sieht sich selbst eher als Enfant Terrible, als böse Kritikerin mit Kodderschnauze, als unangepaßt und kämpferisch. Vielleicht läßt sich deshalb ihr Roman "Zähne zeigen" so prima als kraftvolles Debüt einer jungen Britin mit jamaikanischen Wurzeln vermarkten.

Mit Sicherheit ist "Zähne zeigen" autobiographisch gefärbt, bei einer Autorin mit nur 25 Jahren kann das eigentlich gar nicht anders sein. Doch letztlich ist das völlig egal.

Erzählt wird über 50 Jahre hinweg die Geschichte zweier Familien. Da ist zum einen Archie Jones, Papierfalter für Postwurfsendungen, verheiratet mit der Jamaikanerin Clara und gesegnet mit Tochter Irie. Er und sein Freund Samad Iqbal, gebürtiger Bangladeschi, verheiratet, Vater der Zwillinge Magid und Millat und von Beruf Kellner, haben sich im Weltkrieg kennengelernt.

Beide Männer haben Probleme mit ihrer Ehe und ihren Kindern. Samads Söhne sind grundverschieden: Millat benimmt sich wie eine Kopie des jungen Marlon Brando, macht die Gegend und die Frauen unsicher, zieht mit Jugendgangs durch die Viertel und schließt sich später HEINTZ an, den "Hütern des Ewigen Islamisch-Nationalen Triumphalen Zorns". Magid dagegen soll in Bangladesh zum wahren Moslem erzogen werden, kehrt aber als mustergültiger Zögling einer altherrlichen Kolonialmacht zurück. Irie, Archies Tochter, kämpft mit Ammonik gegen ihre Rastalocken, liebt Millat und schläft mit Magid.

Zwischen den Iqbals und den Jones stehen die Chalfens, eine perfekte englische Mittelstandsfamilie. Der Vater ist Genbiologe, die Mutter hat ein Helfersyndrom und Sohn Josh ist Mitglied in einer militanten Vegetarier-Vereinigung. Die Chalfens sind Katalysator, Puffer und und Anlass für viele Probleme in den Häusern Iqbal und Jones.

Doch damit nicht genug: Zadie Smith bevölkert ihren Roman mit einer ganzen Armee von Neben- und Kleindarstellern. Jeder Versuch einer noch so langen Aufzählung dürfte mit Sicherheit den ein oder anderen übersehen, deshalb lasse ich das. Alle aber sind sie verfangen in einem undurchdringbaren Geflecht aus ethnischen Wurzeln und Wahlverwandtschaften, Religion und Generationskonflikten. Alle sind auf der Suche nach Identität, doch niemand findet sie wirklich.

Smith hat eine pralle Geschichte konstruiert, die selbst aus Schwächen Stärke bezieht. Ihre überbordende Fabulierlust, ihr Drang zu erzählen und zu erfinden hat das Buch vielleicht etwas zu dick aufgeblasen. Doch andererseits macht gerade diese Lust den Roman so lesenswert. Ihr Stil ist wie ein rasender kaum zu kontrollierender Beat ein farbenfrohes Gemälde der britischen "Mish-Mash-Kultur". Kritiker vergleichen sie schon jetzt mit Autoren wie Hanif Kureishi oder Irvine Welsh. Und Smiths Geschichte ähnelt tatsächlich den düster-chaotisch-komischen Szenerien in "Mein wunderbarer Waschsalon" oder in "Trainspotting".

An manchen Stellen wünscht sich der Leser dann doch, daß ein beherzter Lektor hätte besser eingreifen sollen. Doch bereits wenige Seiten weiter hat sich dieses Unbehagen meist schnell wieder gelegt. "Zähne zeigen" ist eine wundervolle pandämonische Seifenoper mit viel Ironie und jeder Menge satirischem Biss.