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Lawrence Norfolk geht auf Keilerjagd - Im antiken Griechenland und in den Wirren des Zweiten Weltkrieges

Oktober 2001

Lawrence Norfolk gilt bei vielen Lesern und Kritikern als großer Meister des historischen Romans. Sein erster, "Lemprières Wörterbuch" (1991), war ein genialer Verschwörungsthriller, sein zweiter, "Ein Nashorn für den Pabst" (1996), handelte von einem Rhinozeros. Beiden gemeinsam war, daß ihnen eine enorme Recherchearbeit zugrunde lag, deren Gründlichkeit an die Grenzen des Machbaren ging. Norfolk versucht mit Macht, herauszubekommen, was über die Vergangenheit herauszubekommen ist.

NorfolkLawrence Norfolk,
In Gestalt eines Ebers

352 Seiten
Knaus Verlag

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Nun also "In Gestalt eines Ebers". Auf den ersten Blick ist das ein seltsam zerissenes Buch. Der erste Teil ist eine Nach- und Neuerzählung des großen antiken Mythos der kalydonischen Jagd, gespickt mit einem schier unüberschaubaren Meer von Fußnoten, allesamt akribische Nachweise bei antiken Autoren. Ein Mythos mit wissenschaftlichem Apparat.

Die kalydonische Jagd spielt im 13. Jahrhundert vor Christus. Der König von Ätolien dankt den Göttern für eine reiche Ernte, vergißt aber Artemis ein Opfer zu bringen. Aus Rache sendet die Göttin der Jagd einen gewaltigen Eber, der das gesamte Land verwüstet. Meleagros, Sohn des Königs, ruft daraufhin die tapfersten Krieger seiner Zeit zusammen, um den Keiler zu jagen und zu töten.

Am Ende überleben nur drei dieser Jäger, darunter Atalante als einzige Frau bei dem Unternehmen. Sie treibt den Eber in eine Höhle und erlegt ihn.

Der zweite Teil von Norfolks Roman spielt 3000 Jahre später und handelt von Sol Memel, einem rumänischen Juden, der im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht vor den Nazis die kalydonische Jagd gewissermaßen nochmal erlebt. Diesmal ist ein deutscher Wehrmachtsoffizier die Beute und griechische Partisanen sind die Jäger, unter ihnen Sol Memel. Im Kreis der Partisanen befindet sich auch eine Frau mit dem Kampfnamen Thyella und die Freiheitskämpfer agieren in eben jener Region Griechenlands, wo einst schon der mythische Eber wütete.

Nach Kriegsende veröffentlicht Memel über seine Flucht und seine Erlebnisse im Krieg ein Versepos mit dem Titel "Die Keilerjagd". Mit diesem Werk erringt der Schriftsteller schlagartig Weltruhm. Memels Jugendliebe, Ruth, will das Versepos sogar verfilmen. Gleichzeitig ruft es Widerspruch bei Jakob hervor, einem Jugendfreund des Dichters, aber einst auch ein Rivale beim Kampf um Ruths Liebe. Indem er eine Ausgabe der "Keilerjagd" mit unzähligen Fußnoten versieht will Jakob beweisen, daß Memels Text nicht frei ist von Unstimmigkeiten, ja, daß der Autor des Epos es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt.

Norfolk hat seiner Haupfigur große Ähnlichkeiten mit Paul Celan gegeben. Auch der war rumänischer Jude, floh vor den Nazis und schrieb später ein Gedicht mit dem Titel "In Gestalt eines Ebers". Auch Celan sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, seine Vergangenheit mystifiziert zu haben, indem er Brüche und Rätsel in seiner Biographie einfach übertünchte.

Norfolks Roman ist ein vielschichtiges Gewebe, gesponnen aus verschachtelten Rückblenden und feinen Überschneidungen zwischen der Handlung im 20. Jahrhundert und der im antiken Griechenland. Es gibt keine verbürgten Wahrheiten, kein Kontinuum der Geschichte, jenseits der sinnlichen Wahrnehmungen Einzelner, wohl aber archetypische Charaktere und Konstellationen, die sich wiederholen. Das ist Norfolks Verständnis von Geschichte.

Norfolk schreibt mit hypnotischer Kraft und er zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann. "In Gestalt eines Ebers" überrascht immer wieder mit neuen Einblicken in das Verhältnis von Mythos und Realität, Dichtung und Wahrheit. Ein großartiger Roman.