Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2001

Siegfried, der Sohn des Führers - Harry Mulisch nähert sich in einem schwarzen Idyll Adolf Hitler

Oktober 2001

Hitler hatte einen Sohn. Das ist die unfaßbare Neuigkeit, die der niederländische Schriftsteller Herter, die Hauptfigur in Harry Mulischs neuem Roman "Siegfried", auf einer Lesereise in Wien erfährt. Jahrzehntelang hatte das Ehepaar Falk dieses Geheimnis treu verwahrt, doch nun geben sie es weiter. Die Falks, das sind zwei alte Menschen, die in einem heruntergekommenen Altersheim leben, und die früher Hausangestellte auf dem Obersalzberg waren. In einer Kultursendung im Fernsehen, eine Art Programm, das sie sonst niemals schauen, haben sie Herter gesehen und beschlossen, ihm vom Schicksal Siegfrieds, Hitlers Sohn, zu berichten.

MulischHarry Mulisch,
Siegfried. Ein schwarzes Idyll

191 Seiten
Hanser Verlag

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Siegfried ist bei den Falks aufgewachsen, denn offiziell durfte der Führer, den alle deutschen Frauen lieben sollten, keine feste Beziehung zu Eva Braun und erst recht kein Kind mit ihr haben. Dann erfährt Herter, daß Hitler in den letzten Kriegstagen den Befehl gegeben hat, Siegfried zu töten. Der Massenmörder Hitler hat auch vor seinem eigenen Sohn nicht Halt gemacht. Herter ist entsetzt. Nachdem er den Falks versprechen mußte, vor ihrem Tod niemandem etwas von Siegfried zu erzählen, kehrt er in sein Hotel zurück.

Herter ist wie gelähmt; noch am Abend zuvor hatte er den Plan entwickelt, mit einer großangelegten Fantasie, einer fiktiven Situation, Hitlers Inneres zu spiegeln, das wahre Gesicht des Führers zu entlarven. Doch jetzt, das wird Herter schlagartig bewußt, funktioniert das nicht mehr. Wie will er mit Hilfe der Fantasie Hitler demaskieren, da er die unglaubliche Geschichte von Siegfried erfahren hat?

Der große Schriftsteller liegt auf seinem Bett im Wiener Nobelhotel und flüchtet sich in eine gewaltige Hitlermetaphysik, eine aberwitzige philosophische Theorie, an deren Ende die Erkenntnis steht, daß Hitler das schiere "Nichts" verkörpert wie ein schwarzes Loch, wie das ruhige Auge in einem allesverschlingenden Orkan. Die Geschichte von Siegfrieds Schicksal war für Herter wie ein Blick in einen tiefschwarzen Abgrund, ein Blick ins absolute Nichts und bei dem Versuch, dieses Nichts trotzdem zu ergründen wird auch Herter verschlungen. Er stirbt an Herzversagen.

Soweit das Handlungsgerüst des Romans, der gerade mal 190 Seiten stark ist. Doch der Umfang wächst schnell, wenn der Leser sich in das Labyrinth zwischen den Zeilen begibt, sich auf die Meta-Ebene des Buchs einläßt. Der Schriftsteller Herter im Roman ist ohne Zweifel ein ironisches Selbstporträt von Harry Mulisch. Und genau das, was Herter beabsichtigt, hat Mulisch mit seinem Buch über Herter in die Tat umgesetzt. Mit einer fantastischen Geschichte, mit einem vielschichtigen, gedanklichen Experiment hat sich Mulisch Hitler zu nähern versucht.

Die Summe aber, die er am Ende zieht ist nicht ganz unproblematisch. Je mehr Eigenschaften dem Diktator zugeschrieben werden, desto unfassbarer wird er. sagt Mulisch und fährt fort, Hitler war letztlich - in Analogie zu Robert Musils Romanfigur "Der Mann ohne Eigenschaften - viele Eigenschaften ohne Mann. Im Kern bleibt Hitler ein Nichts, ein unbeschreibbares Phänomen. Mulisch entläßt seine Leser mit einem Paradoxon: ich habe Hitler verstanden, er ist nichts, also habe ich eigentlich nichts verstanden. Der Versuch mit einem literarischen Gedankenspiel, mit einer fiktiven Geschichte, Hitler zu fangen und zu enträtseln gelingt nicht.

Der Führer bleibt das, was er immer schon war: ein Rätsel. Und der große niederländische Schriftsteller Mulisch, der Goethe von Amsterdam, wie Spötter ihn gerne nennen, schließt sein Unternehmen mit den fast resignierenden Worten ab: "Mit Hitler bin ich jetzt fertig, ich werde kein weiteres Buch über diese Kreatur schreiben!"