Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2001

Eine finstere Zeit gesehen durch unschuldige Kinderaugen - "Der Himmel fällt"

Februar 2001

Ein kleines italienisches Städtchen auf dem Lande. Es sind die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges. Die achtjährige Penny und ihre jüngere Schwester Baby haben ihre Eltern verloren. Sie kommen ins Haus ihrer Tante, die verheiratet ist mit einem Juden. Daß Krieg herrscht, davon erfahren Penny, Baby und die Kinder der Bauern aus dem Dorf zunächst wenig, ihr Alltag ist geprägt von wilden Spielen in der Natur, von Schule und Kirche und vom allgegenwärtigen Kult um Benito Mussolini, den Duce.

MazzettiLorenza Mazzetti,
Der Himmel fällt

btb Verlag
192 Seiten

Jetzt bestellen!


Doch dann ziehen sich dunkle und bedrohliche Wolken über der Villa des Onkels zusammen und das Unheil bricht in die kleine und vermeintlich heile Welt von Penny herein. Deutsche Soldaten besetzen die Villa, als die vor den herannahenden Allierten Truppen flüchten, folgen SS-Truppen. Penny und Baby müssen hilflos mitansehen, wie ihre Cousinen und ihre Tante ermordet werden, weil sie die Familie eines Juden sind. Der Onkel konnte von Partisanen kurz vorher in Sicherheit gebracht werden. Als er zurückkehrt in die Villa bringt er sich um.

Lorenza Mazzetti schildert ihre eigene Kindheit. Penny das ist sie selbst. Der Onkel ist Robert Einstein, ein Cousin von Albert Einstein, der sich anders als der berühmte Physiker bis zuletzt weigert das Land zu verlassen. "Er wahr einfach ein Narr, ein Dummkopf", sagt Lorenza Mazzetti heute. "Er hat einfach nicht begreifen wollen, daß viele Deutsche damals brutale und gefährliche Mörder waren. Ich verstehe immer noch nicht, warum er das Land nicht verlassen hat."

In kindlich naiver Sprache und unschuldiger Neugier schildert Mazetti eine dunkle Zeit. Besonders eindringlich beschreibt sie, wie der Faschismus den Antisemitismus in der katholischen Kirche bereits vorgefunden hat. Der Onkel war von vorneherein verdammt und zu ewigen Höllenqualen verurteilt, weil er Christus getötet hat. Nur wenn sie genügend beten, Buße tun und Opfer bringen würden, sagt der Pfarrer den Kindern ständig, nur dann könne der Onkel vielleicht gerettet werden. Für Penny und Baby besteht die Welt aus der heiligen Familie, dem Duce und dem Onkel dazwischen.

Mazzetti vertraut beim Erzählen dieser grausamen Geschichte uneingeschränkt der kindlichen Sicht. Das macht das Buch ungemein stark und überzeugend. Der brutalen Unfaßbarkeit des Krieges und dem alltäglichen Faschismus versuchen die Kinder mit unschuldiger Neugier, grenzenlosem Staunen oder entwaffnender Naivität zu begegnen und dennoch fällt der Himmel auf sie herab.

P.S.: Das Buch wurde Anfang des Jahres in Italien verfilmt. "Il cielo Cade", mit Isabella Rosselini als Tante, wurde auf den 51. Berliner Filmfestspielen, der Berlinale, im Rahmen des Kinderfilmfestivals mit überwältigendem Erfolg uraufgeführt. Bleibt zu hoffen, daß sich auch ein deutscher Verleih für den Film findet.