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"Der Glaspalast" - Eine Art "Doktor Schiwago" Asiens

Februar 2001

Birma 1885. Der zwölfjährige indische Waisenjunge Rajkamur arbeitet in einer Garküche in Mandalay als die Engländer einmarschieren. Mit einem Strom von Plünderern wird Rajkamur in den Glaspalast gespült, jenem verbotenem Königspalast, der voller Kostbarkeiten steckt. Hier begegnet der junge Inder Dolly, einem Mädchen aus dem Gefolge der Königin. Dieses Mädchen geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.

GhoshGhosh, Amitav: Der Glaspalast
Aus dem Amerikanischen v. Margarete Längsfeld u. Sabine Maier-Längsfeld
608 Seiten
München: Carl Blessing Verlag 2000

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So beginnt Amitav Ghoshs mitreißendes Epos, das den Leser in drei Länder führt und einen Bogen über ein ganzes Jahrhundert spannt. Rajkamur und Dolly begegnen sich wieder in Ratnagiri, dem indischen Exil der birmesischen Königsfamilie. Hier treten auch die anderen Figuren auf den Plan, denen Ghosh bis zum Ende des 20. Jahrhunderts folgt.

Der Roman des erfolgreichen indischen Schriftstellers, der seit einigen Jahren in New York lebt und arbeitet, ist nur vordergründig eine breit angelegte Familiensaga. Die fiktiven Charaktere des Romans - und Ghosh betont immer wieder, das bis auf wenige historische Figuren alle Charaktere Phantasieprodukte sind - agieren vor einem breiten geschichtlichen Panorama.

Die gesamte politische Entwicklung des indischen Subkontinents und der östlich angrenzenden südostasiatischen Staaten wird geschildert. Doch Ghosh packt diese Fülle historischer Details stets zwischen die Zeilen, oder arrangiert sie als Tableau, auf dem dann doch seine eigenen Figuren die Hauptrolle spielen. Das Buch endet im Jahre 1995 in Rangun, der Hauptstadt eines im inneren zutiefst zerissenen Landes: Myanmar heißt es jetzt, nicht mehr Burma. Die Miliärdiktatoren halten die bei den Wahlen siegreiche Oppositionsführerin Aung San Su Kyi unter Hausarrest. In einem Photostudio namens "Glaspalast" treffen sich Rajkamurs Erben und versuchen, ihre Träume von Unabhängigkeit und Freiheit zu realisieren.

Ghoshs Roman wird so zum Geschichten erzählenden Geschichtsbuch. Der aufmerksame Leser erfährt sehr viel vom großartigen Freiheitswillen des indischen Volkes und vom schwierigen Weg in die Unabhängigkeit. Ghosh geht es dabei sowohl um die äussere, als auch um die innere Unabhängigkeit. Warum haben soviele Inder so lange das Empire gestützt? Wenn wir, so sagt Ghosh, Ghandis Wort vom Imperialismus und Faschismus als zwei Seiten ein und derselben Münze ernst nehmen, dann müssen wir nicht nur nach den Kollaborateuren der Faschisten, sondern auch nach den Kollaborateuren der Imperialisten fragen. Ghosh stellt diese Fragen und versucht Antworten zu geben; keine theoretisch-abstrakten, sondern Antworten aus dem Leben, dem Leben seiner Romanfiguren.

Daß und wie Ghosh es schafft, Geschichte und Geschichten in einem prallen, sinnlichen Roman zusammenzufügen ist bewundernswert. Wer den "Glaspalast" liest, versteht besser, warum Indien und viele Staaten Südostasiens sich immer noch so schwer tun, ihre Geschicke und ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Jahrhunderte der britischen Vorherrschaft haben diesen Ländern und ihren Menschen, die Möglichkeit genommen ihre eigenen Fehler zu machen und aus denen zu lernen. Diesen Lernprozess, so Ghosh, haben diese Staaten jetzt erst begonnen, und viele Fehler, die sie seit Mitte des 20. Jahrhunderts gemacht haben wiegen schwer. Der Prozess der Abnabelung und die Suche nach wahrer Unabhängigkeit ist schmerzhaft.

Ghosh kann beides: präzise recherchieren und farbenprächtig fabulieren. Er erzählt so packend, daß selbst die abenteuerlichsten Schickslaswendungen gebannt verfolgt. Der "Glaspalast" ist etwas indisches "Vom Winde verweht" und etwas südostasiatischer "Doktor Schiwago" und vor allem Geschichts-Schreibung und Geschichten-Erzählung in vollendeter Form.