März 2001
Wilde Spekulationen umranken das Leben des John Kaltenbrunner und Tristan Egolf breitet sie alle aus in seiner Legende vom genialische Ziegenjungen, der allein mit seiner verwitweten, lethargischen Mutter aus einer heruntergekommenen Farm eine profitable Schaf- und Hühnerzucht macht. -- Bis ein Tornado alles wegbläst.
Tristan Egolf,
Monument für John Kaltenbrunner
Suhrkamp Verlag
502 Seiten
Kaltenbrunner eckt an, sein Leben lang: das geht schon in der Schule los und wird zur turbulenten Groteske, wenn erzählt wird, wie John in Baker, diesem trostlosen Nest im amerikanischen Getreidegürtel, aufwächst. Er muss sich sein Leben lang wehren und er tut das mit Hand und Fuß, da bleibt kein Stein auf dem anderen und die Ordnungsmacht muss immer wieder geballt anrücken.
Sein Farm wird ihm schließlich ganz genommen - von den frommen Betschwestern seiner Mutter. John wird Müllmann und führt seine geduckten Kollegen zum großen Müllarbeiterstreik, der eine ganze Stadt einen Sommer lang an den Rand der Apokalypse führt. John Kaltenbrunner führt ein modernes Outlaw-Leben, ein Unglück folgt aufs andere bis John im wahrsten Sinne des Wortes in der Kanalisation angekommen ist, ganz unten also. Baker, das Kaff im Mittleren Westen wird zur Hölle, nein, schlimmer: die Hölle ist verglichen mit Baker das Paradies.
Was Tristan Egolf erzählt, steht in der besten Tradition der Great American Novel. Eine klassische Karriere: ein Mann geht seinen Weg, unaufhaltsam, bis er es geschafft hat - bei Egolf allerdings nicht nach oben, sondern in die andere Richtung - nach ganz, ganz unten. Das Monument für John Kaltenbrunner ist Original und eigene Parodie, gehört zum Besten, was in den vergangenen Jahren aus Amerika über den großen Teich zu uns kam.
Tristan Egolf, geboren 1971 in Pennsylvania, hat diesen Roman im Alter von zwanzig Jahren geschrieben. Die Vorgeschichte klingt selbst wie eines dieser Hollywoodmärchen vom großen Erfolg, der lange auf sich warten läßt. Erst schmeißt Egolf das College, dann tourt er mit einer Punkband durchs Land. Während er als Straßenmusiker durch Europa tourt beginnt er zu schreiben. Das Manuskript vom Monument für John Kaltenbrunner wandert erfolglos durch die Hände von siebzig Verlegern. Erst der französische Verlag Gallimard, zu dem das Buch über viele Umwege kommt, entdeckt Egolfs Qualitäten. John Kaltenbrunner wurde zum Riesenerfolg, nicht nur in Frankreich, sondern dann auch im Heimatland des Schriftstellers, in den USA. Heute lebt Egolf in New York und hoffentlich schreibt er weiter ...
Monument für John Kaltenbrunner ist ein wilder Wurf, ein Erstlingsroman mit Kraft und Schwung. Schelmenstück und Sozialkritik, Posse und Kolportage; Egolfs Roman ist all dies und noch viel mehr. Im Kern eine wunderbare und anrührend zornige Abrechnung mit dem Konformismus und der Borniertheit der Provinz.