Artikel und Meldungen aus dem Jahr 2000

Mord oder natürlicher Tod? - Sehr oft bleibt diese Frage offen

Dezember 2000

Die Journalistin Sabine Rückert hat ein heißes Eisen angepackt. Sie beschäftigt sich mit unentdeckten Morden, ungesühnten Gewaltverbrechen und Tätern, die straffrei ausgehen. Tote haben keine Lobby. Zwar haben wir schon immer gewußt: der schöne Sonntagsabendkrimi im Fernsehen hat mit der Realität nichts zu tun, doch wie weit deutsche Wirklichkeit und Krimischein tatsächlich auseinanderliegen, das überrascht dann doch. Denn im wahren Leben flutschen die Täter der Polizei zu Hunderten durch die Maschen.

RückertSabine Rückert,
Tote haben keine Lobby - Die Dunkelziffer der vertuschten Morde

Verlag Hoffmann und Campe

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Was die 39-jährige "Zeit"-Redakteurin Sabine Rückert in ihrem Buch aufdeckt, jagt jedem Leser unwillkürlich einen kalten Schauer den Rücken hinunter. Eine erschreckende Anzahl von Morden bleibt in unserem Land einfach unentdeckt und ungestraft.

Kapitel für Kapitel widmet sich Rückert den Schuldigen. Ärzte, Polizisten, Staatsanwälte, alle sind verantwortlich dafür, daß Tote in unserem Land keine Lobby haben. Nur weil er die Angehörigen nicht als Patienten oder Freunde verlieren will, bescheinigt der Hausarzt ohne große Untersuchung einen natürlichen Tod (es ist schon vorgekommen, daß unter der Bettdecke in der Leiche noch das Messer steckte). Der überarbeitete Kommissar will seinen Schreibtisch nicht mit noch mehr Akten von ungeklärten Fällen beladen: so wird, wider besseren Wissens, aus dem wahrscheinlichen Mord einfach ein Selbstmord. Und Staatsanwälte glauben sowieso nur das, was ihnen die Ermittler sagen.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. In Krankenhäusern sterben Patienten wegen Pfusch und Schlamperei; in Altenheimen bringen Pfleger ihre wehrlosen Schützlinge um die Ecke; Eltern schlagen ihre Kinder tot; Ehemänner lassen ungeliebte Partnerinnen verschwinden und Ehefrauen vergiften den saufenden und prügelnden Mann. Sabine Rückert mischt beeindruckend nüchterne Zahlen und Fakten mit konkreten Fallbeispielen, läßt viele Experten zu Wort kommen und gibt sich zu keiner Zeit der Sensationslust hin.

Das Hauptproblem in unserem Rechtssystem ist, daß zu wenig obduziert wird. Rechtsmediziner und Pathologen klagen über mangelnde Anerkennung und Finanznot. Es scheint oft der Fall zu sein, daß die Lebenden keinerlei Interesse daran haben, Todesursachen von Verwandten oder Freunden zu erfahren und ebenso oft auch, den gewaltsam Verstorbenen zu sühnen. Die Fälle, die Rückert schildert lassen den Leser sehr oft kopfschüttelnd und ratlos zurück. In anderen Ländern Europas wird häufiger obduziert, in einigen Staaten ist eine Obduktion sogar gesetzlich vorgeschrieben. Die Dunkelziffer ungeklärter Morde ist hier weitaus geringer.

Warum wühlen ungesühnte Morde so auf? Mit Sicherheit spielt die Angst vor frei herumlaufenden Mördern eine Rolle und ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Vielleicht ist es aber auch die Angst, daß man selbst das Opfer eines unentdeckten Mordes werden kann, nur weil aus Habgier, Eifersucht oder Haß ein nahestehender Mensch zum Täter wird - und womöglich auch noch ungestraft davonkommt.

"Tote haben keine Lobby" - mit ihrem Buch beweist Sabine Rückert nachdrücklich, daß das wahre Leben ebenso grausam ist wie der Krimi im Fernsehen, aber auch viel ungerechter.