Oktober 2000
In New Leyden, einer fiktiven Großstadt in den USA (Vorbild: unverkennbar New York), wird in einem Nachtclub ein FBI-Agent skalpiert. Er überlebt den Anschlag, kann sich aber nicht mehr erinnern, ob der Täter eine Frau oder Mann gewesen ist.
Michael Roes,
Der Coup der Berdache
Berlin Verlag
Mit dem Fall beauftragt wird der Polizeipsychologe Thor Voelcker, der wiederum, bemüht um ein möglichst vollständiges Täterprofil, bittet zwei Aussenstehende um Mithilfe. Die Ethnologin Joan Bayou und die Kleinbühnendiva Elektra.
Und schon in dieser knappen Inhaltsangabe ist im Kern angelegt, was Roes in seinem Roman umtreibt. Mit einigen Zusatzinformationen wird das schnell klar: Thor Voelcker ist Schwarzer, Joan Bayou Indianerin, eine Berdache, also eine Art weiblicher Medizinmann, und Elektra ein verheirateter Familienvater. Michael Roes beschreibt Übergänge, verwischt Grenzen zwischen Geschlechtern und Rassen. Wer hat den FBI-Mann skalpiert? Ein Mann, eine Frau?
Jeder Figur verhilft Roes zu einem eigenen Erzählstrang mit ganz persönlicher Erzähltechnik. Joan Bayou die Indianerin schreibt in ein Schulheft, was sie über ihr Volk und die Rituale des Geschlechterrollenwechsels weiß; Elektra hält auf einem kleinen Diktiergerät ihre Erfahrungen in der Welt der Drag-Queens fest; Voelcker selbst führt Tagebuch, das A-Train Manuskript nennt er es, weil die Kapitel der Reihe nach mit den Stationsnamen der U-Bahnlinie A überschrieben sind.
Daß im Verlauf der Ermittlungen ein Komplott aufgedeckt wird, das seinen Ausgang im Zweiten Weltkrieg genommen hat, macht die ganze Geschichte für Voelcker nur noch komplizierter. Und als er nach einer Razzia selbst im Gefängnis landet, beginnt Voelcker über sein Selbstverständnis als Schwarzer in Amerika nachzudenken. Schließlich geschieht in seiner Wohnung ein Mord, Voelcker bricht ins Polizeirevier ein, stiehlt Akten und verschwindet. Joan Bayou - inzwischen schicksalhaft verwoben mit dem Polizisten - begibt sich auf die Suche. Genauso die Drag-Queen Elektra, weil sie ebenfalls mit dem spurlosen Verschwinden Voelckers in Verbindung gebracht wird.
Was wie ein amüsantes Detektivspiel anfängt, wird schnell gefährlich und bedrohlich und der Leser wird niemals vollständig informiert. Aus den drei Erzählperspektiven Voelkers, Bayous und Elektras fügt sich nur langsam ein vollständiges Bild zusammen. Selbst am Ende fehlen in diesem Puzzle-Thriller immer noch Teile.
Roes bricht bewußt mit herkömmlichen Erzähltechniken, er bricht ebenso bewußt mit herkömmlichen Genretraditionen. Für den Coup der Berdache hat Michael Roes von New York aus mehrere Forschungsreisen in verschiedene Indianerreservate unternommen. Er mischt Historisches mit Phantastischem, macht aus Tagebüchern Protokolle und verstrickt seine Figuren - und mit ihnen den Leser - in ein verwirrendes Trans-Gender-Spiel.