November 2000
Seit vielen Jahren zählt Bettina Rheims zu den führenden und annerkannten Modefotografinnen. Für viele Coutouriers schießt sie exclusiv die Bilder neuer Kollektionen, alle großen Modezeitschriften drucken regelmäßig Rheims´ Fotos ab. Doch in den Jahren 1997 bis 1998 drehte sie dem Modezirkus mit all seinen Beschränkungen und Grenzen den Rücken zu, um ein Projekt zu verwirklichen, für das sie keinen Auftrag besaß.
Bettina Rheims & Serge Bramly,
I.N.R.I.
220 Seiten mit 7 Klapptafeln und 130 farbigen Abbildungen
Kehayoff Verlag
Der Fotoband "I.N.R.I." war das Ergenis und sorgte in Frankreich für einen handfesten Skandal, löste vor allem unter katholischen Gläubigen wahre Proteststürme aus. Mehrere Gerichtsverfahren wegen Blasphemie und Verunglimpfung der Kirche waren die Folge.
Dabei hat Bettina Rheims, zusammen mit dem Schriftsteller Serge Bramly, nur für das 21. Jahrhundert etwas versucht, das in der Renaissance üblich war, nämlich die Heilsgeschichte der Evangelien in Bilder der Gegenwart umzusetzen. Die Gestalten der Evangelien werden von unbekannten Darstellern genauso verkörpert wie von Models und Schauspielern. Jesus ist auch eine Frau und ein Schwarzer, die Heilsgeschichte spielt ebenso auf Mallorca, wie in einem verlassenen Krankenhaus bei Paris oder in tristen Vorortsiedlungen. Die Bildästhetik orientiert sich gleichermaßen an historischen Vorbildern wie an der Optik zeitgenössischer Mode- und Werbefotografie. Alle dargestellten Personen werden immer von anderen Modellen verkörpert. Somit steht jedes Bild für sich alleine und ist doch erst in der Abfolge aller Bilder wirklich verständlich.
Immer wieder haben Rheims und Bramly betont, daß sie das Leben und Leiden Christi nicht verunglimpfen oder herabsetzen wollten, im Gegenteil, es sei ihnen nur darum gegangen, die Heilsgeschichte in die Bildsprache der heutigen Zeit hinüber zu holen, sie zu retten für die Konsum- und Spaßgeneration der späten 90er Jahre. Dazu hat Serge Bramly das Evangelium nach- bzw. neu-erzählt.
Man muß Rheims und Bramly zu gute halten, daß sie versucht haben ungewöhnliche Lösungen zu finden, sowohl in der Bildsprache als auch bei Motiv- und Ortswahl. Und doch hinterläßt "I.N.R.I." beim Betrachten ein zwiespältiges Gefühl. Einige Bilder wirken enorm, andere dagegen sind bloß kitschig oder langweilig. Und ob sie dem hoch gesetzten Anspuch gerecht werden, heutige Generationen, speziell die an Werbe- und Modeästhetik geschulten Jugendlichen, für die Lebensgeschichte Christi zu interessieren, wage ich wirklich zu bezweifeln.