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Warum sind die einen reich und die anderen arm? - David Landes versucht Antworten zu geben

November 2000

Tragen Sie eine Brille und ärgern Sie sich darüber? Doch bedenken Sie: wieviel leichter gehen Ihnen die alltäglichen Arbeiten von der Hand. Schon sehr früh war in Europa bekannt, daß Altersichtigkeit, ein Problem, das praktisch jeden irgendwann einmal trifft, durch Vergrößerungsgläser gemildert werden kann. Doch erst im 13. Jahrhundert wurden geschliffene Linsen durch ein Gestell verbunden; kurzum die Brille war erfunden. Ein enormer Fortschritt, denn nun wurde die Lebensarbeitszeit und die Produktivität von Handwerkern, Künstlern und Kaufleuten deutlich verlängert. Europa hatte mehrere hundert Jahre lang das Monopol auf Brillen, woanders waren sie unbekannt. Das wiederum führte zu einem wirtschaftlichen Vorteil, der sich auszahlte. Oft sind es die vermeindlich kleinen Erfindungen, die große Wirkungen haben.

LandesDavid Landes,
Wohlstand und Armut der Nationen

Siedler Verlag
688 Seiten und 20 Kartenseiten

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Das ist eines von vielen Beispielen, die David Landes in seiner Untersuchung über den Wohlstand der Nationen liefert. Es sind nicht (zumindest nicht nur) klimatische Einflüsse, die den Globus in Arm und Reich unterteilen. Zugegeben, Europa ist begünstigt, milde Winter und kühle Sommer mit ausreichend, aber nicht zu viel Regen. Das allein aber reicht als Erklärung nicht aus, warum Europa sich letztlich gegenüber den einstmals riesigen Reichen Arabiens, Chinas oder den präkolumbianischen Kulturen der Inka und Maya durchsetzen konnte.

Auch hier liefert Landes eine verblüffende Erläuterung: durch den Untergang des schwerfälligen Römischen Reiches zerfiel Europa in Kleinstaaten. Ein Glücksfall, sagt er, denn Mobilität, liberales Eigentumsrecht und Kreativität - als Grundlage für Wohlstand - wurden so im Mittelalter gefördert. Mit Hilfe einer Fülle an kleinen Geschichten, Anekdoten und Histörchen analysiert der Harvardprofessor in seinem vieldiskutierten und umstrittenen Buch 1000 Jahre Weltwirtschaftsgeschichte. Gerade diese Fülle an kleinen Geschichten und Nebenschauplätzen machen sein Buch lesenswert und lehrreich. Trotz seiner 700 Seiten ist es kurzweilig genug, um unterhaltsam und gleichzeitig lang genug, um analytisch zu sein.

Landes Behauptung, daß Europa und in Folge die USA, als ausschließlich von europäischen Einwanderern gegründeter und gelenkter Staat, der übrigen Welt wirtschaftlich und technologisch lange überlegen waren (und vielleicht noch sind), ist leicht nachzuvollziehen und wird wenig Widerstand finden. Umstritten ist mit Sicherheit aber seine Erklärung, wie es dazu kam: Europa hatte Glück, aber auch mehr Verstand, Agilität und Offenheit.

Vor allem islamisch geprägte Kulturen, so Landes, hätten sich bis heute kaum für äußere Einflüsse geöffnet. Im Orient würden auch heute noch Frauen vom öffentlichen Leben und den Prozessen der Wertschöpfung ausgeschlossen. Das wiederum begünstige das Verharren der selbsternannten Paschas (sprich: der Männer) in Selbstsicherheit und Trägheit. Dieses Verharren in Tradition verhindere, so Landes, wirtschaftliche Blüte und Wohlstand. (Einzig Länder mit Rohstoffüberfluss wie z.B. die Opec-Staaten seien hier auszunehmen; doch wehe, wenn das Öl versiegt.)

Auch Mobilität und der damit verbundene Wille zur Veränderung ist ein Faktor für Wohlstand. Das erste chinesische Schiff, das seinen Weg nach Europa, fand legte 1851 zur Weltausstellung in London an. Die Europäer dagegen segelten da schon 300 lang in die entgegengesetzte Richtung. Und auch wenn die Chinesen das Schießpulver erfunden haben, zur kriegerischen Nutzung als Treibsatz für Kanonen und damit zur Erweiterung von Machtzentren haben sie es nicht eingesetzt; es gab in China einfach genügend Krieger, die zu Fuß in die Schlacht ziehen und aufgerieben werden konnten.

Das waren nur einige wenige der Beispiele, die David Landes heranzieht, um seine Sicht auf die Wohlstandsverteilung in der Welt zu erläutern. Viele Kritiker werfen ihm vor, seine Analysen seien in der Summe zu sehr eurozentriert und in höchstem Maße politisch unkorrekt, doch gleichzeitig wird Landes bescheinigt, sein pralles Buch über "Wohlstand und Armut der Nationen" habe dennoch das Zeug zu einem neuen Standardwerk.