Dezember 2000
Noch eine Biographie von Thomas Mann? Warum? Das werden sich mit Sicherheit viele gefragt haben, als der C.H.Beck Verlag das jüngste Werk des Literaturwissenschaftlers Hermann Kurzke auf den Markt brachte. Zugegeben; die Literatur über Thomas Mann füllt ganze Bibliotheken, aber Kurzke schafft es, diesem enormen Berg an Fachwissen neue, durchaus wohlgeformte Kieselsteine hinzuzufügen.
Herrmann Kurzke
Thomas Mann - Das Leben als Kunstwerk
C.H.Beck Verlag
Das Leben Thomas Manns wird hier nicht chronologisch abgehandelt. Kurzke wählt vielmehr ein themenzentriertes Verfahren. Er legt Querschnitte an, die auch die feinsten Verästelungen im Seelenleben des Schriftstellers freilegen. Es gibt unterhaltsame Kapitel unter anderem über das Rauchen und Du sagen, über Dienstboten und Hunden, über Alkohol und Ehrgeiz, über das Judentum und den lebenslangen Krieg mit Bruder Heinrich. Dazu werden zahlreiche Anekdoten und skurrile Episoden ausgebreitet. Z.B. über einen Tag im Weißen Haus, über einen geschmuggelten Nerzmantel, der als Honorarzahlungen aus der DDR diente. Das alles ist poiniert geschrieben, farbig erzählt, lebensklug, spannend und gelegentlich auch ergreifend.
Wer jetzt meint, Kurzke beschränke sich auf Schnurren und Anekdoten, der irrt gewaltig. Seit 25 Jahren beschäftigt sich der Berliner Literaturwissenschaftler, der derzeit in Mainz lehrt, mit Thomas Mann und er hat zahlreiche Aufsätze zu Leben und Werk des Schriftstellers verfaßt. Über kaum einen Deutschen wissen wir mehr als über Mann. Das liegt vor allem an den umfangreichen Briefsammlungen und Tagebüchern. Aber auch sein dichterisches Werk gibt vieles von seinem Intimsten preis.
Diesen Pfaden folgt Kurzke wie ein Spürhund und nimmt alle Fährten auf und folgt ihnen gewissenhaft. Anders als viele andere Darstellungen verkneift er sich allerdings Häme und Spott. Das komplizierte Seelenleben Manns wird bei Kurzke zu einer Biographie eines exemplarischen Menschen. Wo andere Biographen Manns unter dem Schlagwort "Verdrängung der Sexualität" die homoerotischen Schwärmereien des Dichters platt abhandeln und schubladenhaft registrieren geht Kurzke weiter. Unter den Stichworten "Askese" und "Keuschheit" zeigt er auf, wie Mann sein Leben als Kunstwerk einrichtet. Gewissermaßen als Brustwehr gegen das von innen und außen drängende Chaos, damit er nicht an den Mächten des Eros scheitert wie Aschenbach im "Tod in Venedig".
Aber diese Theme ist nur eine Facette des Buches. Wer die Darstellung von Hermann Kurzke aufmerksam studiert ist immer wieder aufs neue erstaunt, was alles noch nirgends gesagt und gesehen wurde. "Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk." Eine mustergültige Biographie.